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Das Literaturhaus erinnert an Helmut Dietl (1944-2015).

Ausstellung „Der ewige Stenz“ im Literaturhaus

Willkommen in Helmut Dietls „Rossini“

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München - Mit der Ausstellung „Der ewige Stenz“ feiert das Münchner Literaturhaus „Helmut Dietl und sein München“. 

Apfelbäume? Zypressen? Ja, geht’s noch? Wird hier, im Literaturhaus, nicht Helmut Dietl gewürdigt? Jener Regisseur, dessen Werk ohne München nicht zu denken ist. Und der umgekehrt in seinen Serien und Filmen die Stadt derart wunderbar, stimmig und liebevoll-hinterfotzig porträtiert hat, wie sie wohl nie gewesen ist – die jedoch seither unbedingt so sein möchte, wie Dietl sie gezeichnet hat: locker, lässig, liebenswert, leichtsinnig. Was, bitteschön, haben dann Apfelbäume und Zypressen in einer Ausstellung über diesen Schwabinger verloren, der – die Rechnungen in einer Vitrine beweisen es – seltener als vielleicht erwartet im „Schumann’s“ Gast war, weil diese Bar eben einen Fehler hat: Sie liegt nicht in Schwabing.

Die Suche des Regisseurs nach dem perfekten Bild

Die liebliche Naturkulisse bildet den Abschluss der Schau „Der ewige Stenz – Helmut Dietl und sein München“ und fasst das zuvor Gesehene nochmals plastisch zusammen. Für den Regisseur, der im vergangenen Jahr im Alter von 70 Jahren gestorben ist, war die Natur Rückzugsort und Kulisse: Die Obstbäume im Garten seines Hauses in Eichenried im Erdinger Moos sind ebenso nach Dietls Vorstellungen gepflanzt, wie er Zypressen und Olivenbäume in seinem Garten im französischen Roquefort-les-Pins inszenierte – stets suchte der Regisseur nach dem perfekten Bild.

Helmut Dietls Schreibmaschine und seine Bleistifte für Korrekturen.

Die Ausstellungskuratoren, Claudius Seidl, Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, und Karolina Kühn vom Literaturhaus, zeigen in „Der ewige Stenz“, wie eng die Liaison von Realität und Fiktion bei Helmut Dietl war. Er inszenierte sein Leben und schöpfte für sein Werk aus Autobiografischem. Keine seiner Arbeiten kündet stärker davon als der Kinofilm „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“. Hier porträtierte Dietl sich, seine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, die sich allabendlich in jenem Restaurant traf, das der Komödie aus dem Jahr 1997 ihren Titel gab – und dessen Vorbild das „Romagna Antica“ an der Elisabethstraße war. Beinahe jeden Abend war Dietl hier zum Essen, ein Stapel Rechnungen in der Ausstellung belegt die Besuche – obenauf liegt jene vom 22. Januar 1994 über 580,50 Mark.

Im Literaturhaus wird die „Rossini“-Kulisse zitiert

Das Büro „unodue{münchen“ zitiert in seiner eleganten Gestaltung der Schau die „Rossini“-Kulisse: Schachbrettmuster am Boden (im „Romagna Antica“ waren die Fliesen indes einfarbig), schwarzlackierte Tische, gedeckt mit weißen Tischtüchern. Kerzenleuchter flackern überall. Jedes Ensemble steht vor einer Leinwand, auf der ein Zusammenschnitt aus Dietls Münchner Werken zu sehen ist: aus den Fernsehserien „Münchner Geschichten“, „Der ganz normale Wahnsinn“, „Monaco Franze“, „Kir Royal“ und – natürlich! – aus dem Kinofilm „Rossini“. In den „Speisekarten“ findet der Besucher Produktionsdaten und Besetzung.

Seine Zigaretten. Dietl rauchte „Gitanes“. Ausschließlich. 

Auf der gegenüberliegenden Seite spiegelt sich das filmische Schaffen in Zeugnissen aus Dietls Leben und Arbeiten: Da laufen Szenen aus dem Melodram „Verträumte Tage“ (1950), in dem einst der Sechsjährige dank der Kontakte seiner Oma zum Filmgeschäft eine kleine Rolle bekam; ein Koffer voller Notizbücher kündet vom Lebens-Protokollanten; eine Schreibmaschine (die „Carina 2“ von Olympia) und eine Tasse voller Bleistifte (kurz mussten sie sein!) lassen den Betrachter ahnen, wie gewissenhaft Dietl seine Texte redigierte.

250.000 DM hätte Dietl für die „Unendliche Geschichte“ bekommen

Eine kluge Auswahl an Dokumenten ergänzt die Objekte: Da verrät etwa die Reproduktion des Vertrags mit Bernd Eichinger, dass Dietl 250 000 Mark für die Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“ bekommen hätte. Er sagte ab, aus Furcht vor zu vielen Kompromissen – Wolfgang Petersen übernahm und wurde dadurch nach Hollywood katapultiert. Wunderbar auch, dass die Kuratoren jenen Brief in Dietls Nachlass gefunden haben, mit dem sich Helmut Fischer 1976 beim Regisseur bewarb – mit einem Verweis auf einen Sketch Helmut Qualtingers: „Sehr überzeugend habe ich seinerzeit am Stadttheater Leitmeritz einem Bettnässer Profil verliehen.“

Die Initiative zu dieser Ausstellung ging übrigens von Reinhard Wittmann aus, dem langjährigen Leiter des Literaturhauses. Und da diese so wunderbar gelungen ist, bleibt nur, aus den „Münchner Geschichten“ zu zitieren: „A Riesenidee is des.“

Die Ausstellung läuft von 14. Oktober 2016 bis 26. Februar 2017, Mo.–Fr. 11–19 Uhr, Do. bis 21.30 Uhr, Sa./So. und Feiertage 10–18 Uhr, Salvatorplatz 1; Eintritt: 7/ 4 Euro, Broschüre zur Schau: 8 Euro.

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