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Auf die Suche nach der versunkenen Stadt schickte der Murnauer Autor Paul Alfred Müller unter dem Pseudonym Freder van Holk seine Helden.

Ausstellung im Schlossmuseum Murnau

Willkommen in der schönen neuen Welt

In zahlreichen Romanen veröffentlichte Paul Alfred Müller seine Vorstellungen vom Leben in der Zukunft. Nun würdigt eine Ausstellung den Science-Fiction-Autor aus Murnau.

1957 schloss Paul Alfred Müller eine Wette ab: Er war überzeugt, dass der Satellit Sputnik nicht das unendliche Universum erkunden, sondern an der Innenseite unseres Kosmos hart aufschlagen und abstürzen würde. Denn für Müller (1901-1970) war - wie für manch andere Utopier - die Erde eine Hohlwelt, an deren Innenseite die Menschen lebten. Spätestens mit der Mondlandung 1969 war das - absurde - Weltbild Müllers und seiner elitären "Gesellschaft für Erdraumforschung" in Murnau erschüttert.

Von da an schrieb er keine Science-Fiction-Romane mehr, sondern Krimis. Doch populäre SciFi-Figuren wie Perry Rhodan nahmen nach wie vor Bezug auf den visionären Autor.

Wie prägend Müllers Literatur war, zeigt nun das Schlossmuseum Murnau in Zusammenarbeit mit der Uni Zürich: Unter eigenem Namen und rund 30 Pseudonymen entwarf der produktive Schriftsteller Szenarien einer schönen, neuen Technikwelt, die ihre Wurzeln in der alten Mythologie hatte. "Atlantis steigt auf" heißt die Ausstellung, die einen Bogen spannt von der Prähistorie bis ins Nachkriegsdeutschland, als Müller von Ostdeutschland nach Murnau flüchtete.

Von Philosoph Platon (um 400 v. Chr.) stammt die Geschichte der Seemacht Atlantis, die wegen Überheblichkeit von den Göttern vernichtet wurde. Seitdem wird spekuliert: Jules Vernes ließ Kapitän Nemo im Erdinneren die versunkene Stadt suchen; Ignatius Donnelly sorgte mit seiner Theorie, Atlantis sei die Wiege der Zivilisation, im 19. Jahrhundert für einen SciFi-Boom. Müller, Volks- und Berufsschullehrer in Leipzig, wurde nicht zuletzt durch seine Frau in den Dreißigerjahren unterstützt, eigene Ideen zu Atlantis zu publizieren.

270 Heftromane in fünf Jahren sorgten für die Massenverbreitung seiner populären Mischung aus Technikbegeisterung und Fantasie. "Atlantropa" etwa war Müllers Entwurf, den Mittelmeerraum durch Wasserabsenkung nutzbar zu machen: Windkraft, Roboter, Raketen spielten schon früh eine Rolle; Literatur und Wissenschaft inspirierten sich. Dann, zwischen 1933 und 1936, ersann Müller in 150 Groschenheften, imposant in Stapeln in der Vitrine ausgestellt, seine Geschichte von "Sun Koh. Der Erbe von Atlantis". Sein ursprünglich kosmopolitischer Held wurde allerdings, nicht zuletzt durch Müllers Mitgliedschaft in der NSDAP, immer mehr zum "arischen Kämpfer". Trotzdem wurden die Hefte 1940 verboten.

Müller selbst saß nach Kriegsende zwischen allen Stühlen, bekam keine Anstellung mehr, flüchtete 1948 nach Murnau. Er überredet auch den Münchner Verleger Emil Biehl und seinen Autorenfreund Helmut K. Schmidt umzusiedeln. Nicht alle Projekte dieser Gilde waren erfolgreich, immerhin gab es bis 1981 immer wieder Auflagen des Atlantis-Erben, außerdem Romane vor allem unter dem Pseudonym Freder van Holk. Interessant ist, wie sich zwischen politischen und technischen Umwälzungen die Ideen des Fantasten Müller bis heute behaupten.

Bis 1. März, Katalog: 18 Euro.

Telefon: 08841/476 207.

Freia Oliv

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