Willy Brandt wird in London zur tragischen Bühnenfigur

- London - Elf Jahre nach seinem Tod wird Willy Brandt Hauptfigur eines Bühnendramas. Am National Theatre in London hat an diesem Dienstag "Democracy" Premiere, ein neues Stück von Michael Frayn (70). Auch Brandts Politiker-Kollegen Hans-Dietrich Genscher, Horst Ehmke, Helmut Schmidt und Herbert Wehner treten auf - und kommen dabei nicht unbedingt gut weg.

<P>Die Handlung beginnt 1969, als Brandt sein Amt als erster sozialdemokratischer Bundeskanzler antritt. Große Hoffnungen sind mit ihm verbunden, aber alles steuert in tragischer Weise auf die Spionage-Affäre um Günter Guillaume zu. Regie führt einer der Star-Regisseure des National Theatre, Michael Blakemore. Die Hauptrolle spielt Roger Allam, der bereits vor drei Jahren Nazi-Architekt Albert Speer in David Edgars gleichnamigem Drama verkörperte.</P><P>Was deutsche Botschafter in London seit Generationen fordern, scheint bei Dramatiker Frayn endlich auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein: Er thematisiert eine Episode deutscher Politik, die nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun hat. Für ihn sei gerade die Bonner Bundesrepublik, die oft ihrer "langweiligen Respektabilität" wegen abgetan werde, von besonderem Reiz: "Ich muss sagen, dass für mich der materielle Wohlstand, die Friedfertigkeit und sogar die angebliche Langweile eine Leistung darstellen, über die ich immer wieder staune und gerührt bin. Aus der völligen Zerstörung schufen die Bürger einen der wohlhabendsten, stabilsten und zuverlässigsten Staaten in Europa, den Eckpfeiler eines Friedens, der bis heute seit fast 60 Jahren in Westeuropa andauert."</P><P>Frayn hat seit längerem eine Vorliebe für deutsche Themen. "In Deutschland habe ich dieses Gefühl, in einem hyperrealistischen Sinne zu Hause zu sein", sagte er in einem Interview. "Frankreich und Italien sind wirklich Ausland, und das ist ihr Charme, aber Deutschland ist wie eine traum-ähnliche Version unseres Landes. Die banalsten Dinge erscheinen vertraut." Er dementierte jedoch, dass die Intrigen, die er in "Democracy" schildert, die derzeitige politische Situation in England spiegeln sollen.</P><P>Schon vor der Premiere hat das Stück viel Aufmerksamkeit erregt. Brandts Charisma und seine schauspielerische Gabe, auch ohne Worte Macht über Menschenmengen auszuüben, mache ihn zu einer besonders geeigneten Bühnenfigur, kommentierte der "Independent". Brandt-Darsteller Roger Allam sagte, er habe sich geradezu in den Politiker "verliebt": "Er war ein wirklich guter Mensch. Aber da war immer eine gewisse Melancholie um ihn." Allam will seinen Helden nicht - wie in England bei deutschen Figuren oft üblich - mit deutschem Akzent spielen. Dafür strebt er an, Stimme und Tonfall so gut wie möglich zu treffen.</P><P>www.nt-online.org</P>

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