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Einen großen drehbaren Abenteuerspielplatz hat Aleksandar Denic für Frank Castorfs Inszenierung gebaut.

Wimmelbilder einer kaputten Welt

"Reise ans Ende der Nacht"

München - Poetisch, komisch, zäh und flach: Frank Castorfs „Reise ans Ende der Nacht“ im Münchner Residenztheater. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Irgendwann in dieser Premiere wendete sich Bibiana Beglau an die Zuschauer im Münchner Residenztheater: „Unsere Reise erfordert Fantasie!“ Sprach’s und verschwand durch die Röhre eines Backofens. Ja, wer Fantasie mitbringt, wird immer wieder Freude haben an diesem Abend, der wirr und wild ist, laut und poetisch, hektisch und zäh, komisch, wahrhaftig, flach, anstrengend, nervtötend, lang – vier Stunden und vierzig Minuten, eine Pause.

Die Handlung

Erzählt wird die Lebensreise Ferdinand Bardamus: Der Medizinstudent meldet sich 1914 freiwillig, lernt den Krieg jedoch rasch als Vernichtung der „lästigen Armen“ kennen. Er wird verwundet, desertiert. Es verschlägt ihn nach Afrika, wo er das Elend des Kolonialismus erlebt. Eingeborene verschachern ihn nach Amerika. Dort schuftet er bei Ford. Zurück in Frankreich arbeitet er als Armenarzt.

Die „Reise ans Ende der Nacht“ nach dem 660-Seiten-Roman von Louis-Ferdinand Céline ist typisch Frank Castorf: Die ganze Chose unter Hochdruck setzen – und schauen, ob alle Schauspieler (ja!) und alle Zuschauer (nein!) mithalten können. Nachdem er im Sommer Wagners „Ring“ in Bayreuth in den Satz gesetzt hat, ist der Langzeit-Intendant der Berliner Volksbühne in München wieder ganz bei seiner Art des Inszenierens. Statt sich der Musik, den Taktstrichen beugen zu müssen, nimmt Castorf einen Text als Materialmasse, aus der er nur jene Brocken bricht, die ihm taugen und mit denen er sein (Über-)Forderungstheater anrichten kann: Gespielt wird vor und hinter der Bühne, oben und unten, dazwischen. Alles dreht sich, überall passiert was, und zwei Kamerateams fangen jene Szenen ein, die nicht zu sehen sind. Heraus kommen lebendige Wimmelbilder wie aus Kinderbüchern. Wimmelbilder, die im besten Fall Auge und Hirn kitzeln – oder aber im Leerlauf tosend auf der Stelle stampfen. Im Residenztheater geschieht beides.

Célines Roman ist ein idealer Steinbruch. Seine Publikation 1932 war ein Schlag gegen die literarischen Konventionen der Zeit. Die „Reise“ ist in einem bis dato unbekannten Stil verfasst: In atemraubendem Tempo springt Ich-Erzähler Ferdinand Bardamu durch sein Leben, vom Ersten Weltkrieg über die Zeit in Afrika und den USA bis zurück nach Paris, wo er als Armenarzt arbeitet. Céline spielt dabei virtuos mit Hochsprache und Argot, dem Dialekt der französischen Gosse. Das damals Unerhörte: Der Autor verwendet Umgangssprache auch im Erzähltext, stellt sich so auf eine Stufe mit dem Bodensatz der Gesellschaft.

Obwohl Céline (1894- 1961) als „großer Befreier“ (Philip Roth) der Literatur gilt, darf nicht vergessen werden, dass er auch grässlichen antisemitischen Auswurf veröffentlicht und während der Besatzung Frankreichs kollaboriert hat. 1944 floh er, wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt und konnte erst nach der Amnestie 1952 zurück in die Heimat. Unbestritten ist die Bedeutung seines Debütromans, den er vor die Füße des Bürgertums kotzte. Hier entfaltet Céline den Albtraum einer Welt, die ihre Rechnungen auf Kosten der Armen begleicht.

Die Besetzung

Regie: Frank Castorf. Bühne: Aleksandar Denic. Kostüme: Adriana Braga Peretzki. Video und Live-Schnitt: Stefan Muhle. Darsteller: Götz Argus (Capitaine Frémizon, Monsieur Henrouille, Le père), Bibiana Beglau (Ferdinand Bardamu), Fatima Dramé (Engel der Verzweiflung, Sasportas, La femme du Directeur, Sophie), Britta Hammelstein (Lola, Madelon, Madame Henrouille, La fille), Aurel Manthei (Léon Robinson, Directeur, Le fils, Debuisson), Franz Pätzold (Ferdinand Bardamu, Léon Robinson), Katharina Pichler (Molly, La cliente), Michaela Steiger (Professur des Écoles du Congo, La grand-mère Henrouille, La mère), Jürgen Stössinger (Sergeant Alcide, Docteur Baryton).

Das interessiert Castorf. Den chronologischen Aufbau des Buchs hat er gebrochen, seine „Reise“ beginnt vor der afrikanischen Küste, in einem Boot, das ein ausrangierter Krankenwagen ist. Wie passend: Krank und kaputt ist die Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ist Europa, wo das Schlachten des Weltkriegs noch im Gange ist, ist aber auch Afrika, wo der Kolonialismus fiebert.

Aleksandar Deni´c, Castorfs bewährter Bühnenbildner, hat einen großen, drehbaren Abenteuerspielplatz gebaut. Er ist Campingplatz, Holzhütte, Hochsitz, Hasen- und Hühnerstall, Küchenzeile und vieles mehr. Über allem ragt eine Leinwand, auf der Filmschnipsel und Live-Bilder zu sehen sind. Der Eingang zu diesem heruntergekommenen Labyrinth ist überschrieben mit den Idealen der Französischen Revolution. Freilich erinnert hier der Schriftzug „Liberté, Égalité, Fraternité“ an den „Arbeit macht frei“-Torbogen im KZ Auschwitz. Als menschenverachtend entlarvt Castorf jene hoffnungsvolle Parole – und das mit enormem Tempo.

Deshalb wird der erste Teil zum (intellektuellen) Spaß. Castorfs Regie-Konzept ist zwar nicht neu, doch hier funktioniert’s. Das liegt auch an den Schauspielern um Bibiana Beglau und Franz Pätzold, die sich die Rolle Bardamus teilen: Das Ensemble wirft sich mit Wahnsinnslust in Figuren, Szenen, Aktionen. Und obwohl Teil eins wie auf Droge durchstartet, gelingt – angeschrillt – Nachdenkliches: Als es etwa am Beispiel von Großmutter Henrouille um den Umgang der Gesellschaft mit ihren Alten geht.

So kompakt die Inszenierung vor der Pause ist, so sehr tritt sie danach auf der Stelle. Hier wird der Abend Opfer seiner Machart, Hochdruck kann inhaltlichen Leerlauf nicht kaschieren. Die Luft ist raus, obwohl die Schauspieler bewundernswert das Tempo halten. So hat dieser Teil seinen stärksten Moment gleich zu Beginn: Fatima Dramé (eine Entdeckung!) und Aurel Manthei liefern sich im Wechselgesang Passagen aus Heiner Müllers „Der Auftrag“. Hier werden drei französische Emissäre nach Jamaika geschickt, um einen Sklavenaufstand gegen die britische Krone anzuzetteln. Bei Castorf wird das zur harten Blues-Nummer, der Musik der Unterdrückten. Das berührt, obwohl Manthei kein geborener Sänger ist. Kurz vor Mitternacht tanzt Beglau dann verträumt vom letzten Bild in den Schlussapplaus. Der ist begeistert – ohne ein einziges „Buh“ für Castorf. Auch das war in Bayreuth anders.

Nächste Vorstellungen

am 3., 10. und 30. November;

Telefon 089/ 2185-1940.

Michael Schleicher

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