Als Windbeutel serviert

München - Sogar Adolf ist dabei. Als stumme Person, noch rank und frisch, im braunen Uniförmchen - und sehr zum Unwillen der Übrigen. Die scheuchen den "Führer", wie er ohne Anführungszeichen und seltsam unkritisch im Programmheft genannt wird, hinaus und schießen ihm später glatt hinterher. Anspielung kapiert: An Franz Lehárs "Lustiger Witwe", am liebsten im Gärtnerplatztheater und inklusive Johannes Heesters als Danilo, konnte sich Hitler bekanntlich nicht satthören und -sehen.

Ein bisschen verdruckster Historienspuk muss offenbar sein, jetzt, wo sieben Jahre nach der letzten Premiere eine neue "Witwe" über die Bühne ging. Münchens Operettenfans sind ja nicht unbedingt verwöhnt. Vor allem unter der Regie- und Gedankenlast Franz Winters musste die Leichte Muse am Gärtnerplatz in letzter Zeit ächzen und schwitzen. Das Pendel schwingt nun in die Gegenrichtung. Und das sehr, sehr weit. Bis in einen Bereich, wo der aktuelle Regisseur Jan-Richard Kehl, der sich um Hintergründiges und Timing wenig schert, Lehárs kulinarisches Meisterstück als Windbeutel serviert.

Wobei die Verkleidung nur Modernes suggeriert. Ähnlich wie jüngst der Staatsopern-Kollege im "Eugen Onegin" verpflanzt Kehl das Stück grund- und erhellungslos ins 20. Jahrhundert, diesmal aber in die 80er bis 90er. Die pontevedrinische Botschaft zu Paris: eine hohe Betonhalle, Zentrum der Balkanmafia. Ein übler Haufen mit ebenso übel gekleideten Damen um den Ober-Fiesling Zeta (zu selbstverliebt: Dirk Lohr). Der bangt offenbar nicht allein ums Staatsvermögen, sondern wickelt unter diplomatischem Schutz miese Geschäfte ab. Zusätzliche Erkenntnisse verschafft das kaum, wie überhaupt manchmal nicht klar wird, was da eigentlich auf der Bühne verhandelt wird. Die beste Figur macht noch Danilo, der mit aufgeknöpftem Hemd, Schal und Kammersänger-Grandezza beim geschmeidigen Tilmann Unger gut aufgehoben ist - vorausgesetzt, man drückt bei Höhenlagen mal ein Ohr zu.

Doch bleibt dies alles weitgehend Ausstattungsbehauptung. Müde und bieder holpert die Aufführung dahin. Als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme-Aktion für den Chor muss der ein halbes Dutzend Mal über die Bühne hasten. Auf den Dialogstrecken klaffen Löcher. Tanznummern plus Grisetten verströmen bemühten Charme, Sparwitze ersetzen wirkungsvoll platzierte Pointen. Und "Gags" wie die leibhaftige Ziege, der Mann im Taucheranzug oder das hübsche Werbevideo aus Pontevedro sind vor allem eines: überflüssig.

Am besten ist der Abend, wenn die beiden Paare allein gelassen werden. Wenn Kehl also auf die Sängerausstrahlung vertraut - und er dem "niederen Paar" dadurch einen deutlichen Vorsprung einräumt: Stefanie Kunschke ist eine beherzte, nie zu spitze Valencienne und Peter Sonn ein Rosillon aus dem Operettentenor-Bilderbuch - der stärkste Eindruck des Abends. Tilmann Ungers jugendliche Erscheinung gibt dem Danilo einen Schuss Hallodri-Glätte, während sich Heike Susanne Daum als kühle Witwe Glawari erst allmählich den Mittelpunkt erobert und dann auch kleine vokale Substanzengpässe vergessen lässt.

Was sich gegen all die szenische Dünnbrettbohrerei behauptet, ist Lehárs Partitur. Der "Weiber"-Hit provoziert mühelos den Klatschmarsch. Und wenn Dirigent Henrik Nánási seine Aufgekratztheit ablegt und ein bisschen vom Gas geht, könnte dies noch eine musikalisch prächtige Aufführung werden.

Dem neuen, sehr temperamentvollen Ersten Kapellmeister eilt aus Augsburg - zu Recht - ein guter Ruf voraus. Nánási führte das Orchester in der Premiere indes am ultrakurzen Zügel, nahm der Musik oft Raum zum Ausschwingen und konnte nicht verhindern, dass einige Nummern gefährlich ins Schlingern kamen. Doch Kapellmeister, Chor und Musiker dürften, das sei prophezeit, in den nächsten Monaten noch zusammenwachsen.

Für die Operettenschiene von Neu-Intendant Ulrich Peters war's freilich ein mäßiger Auftakt, für Münchens Musiktheaterfans der rabenschwärzeste Saisonbeginn seit Jahren. Drei Reinfälle, die einen fast zwangsläufig in die Nachbarstädte treiben: "Figaro", "Eugen Onegin", jetzt "Lustige Witwe" - und dann streikt auch noch die Bahn.

Weitere Vorstellungen: 17., 21., 27., 30. November, Tel. 089/ 21 85 19 60.

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