Bis zu 40 windige Angebote pro Tag

Immer mehr gefälschte Gemälde: - Das ist die Kehrseite des Booms im Handel mit moderner Kunst: ein vermehrtes Auftreten von Fälschungen - inzwischen auch der einstigen russischen und ungarischen Avantgarde.

Die Fachleute des Landeskriminalamtes in München arbeiten derzeit an einem Komplex von 13 Gemälden, die sie rechtzeitig vor einer Auktion aus dem Verkehr zogen, die im März im Gewerbegebiet eines Würzburger Vorortes stattfinden sollte - bei einem bisher wenig bekannten Versteigerer kleinerer Werte.

Diesmal reichten die Mindestforderungen bis zu 100 000 Euro für Ölbilder, die angeblich von Erich Heckel oder August Macke stammen, und bis zu 39 000 Euro für Gemälde unter dem Namen Gabriele Münter. Eine Gouache "Zwei Damen im Straßencafé" figurierte als ein Werk Marianne von Werefkins aus dem Jahr 1908 mit einem Limit von 12 000 Euro.

Gemeinsam war zehn Bildern die Angabe "im neuen exklusiven Rahmen" und die Provienz aus einer "württembergischen Sammlung".

Ungewöhnlich ist diese inzwischen geklärte Herkunft. Im Handel mit Fälschungen und falschen Zuschreibungen dominieren im Allgemeinen recht windige Adressen, in diesem Fall konnte als Einlieferer jedoch ein habilitierter Chirurg ausfindig gemacht werden. Zehn Bilder kamen aus dieser Quelle, drei weitere (unter den Künstlernamen Leo Putz, Arnold Balwé und Rudolf Schacht) von einem Münchner Pfandleiher.

Besonders seltsam sind die Beschreibungen der Bilder, die eine promovierte Autorin in einem Vorbericht zur Auktion vom 24. März erstellte, veröffentlicht in der Münchner "Antiquitäten Zeitung". Der grotesken Darstellung "Ungleiches Paar", avisiert als ein "Highlight" der Auktion, wurde dort folgendes angedichtet: Erich Heckel habe nach einem Besuch bei James Ensor in Oostende, wo er als Sanitäter stationiert war, in einer für ihn ungewöhnlichen Buntheit eine Entsprechung zu Ensors Maskenbildern gemalt und als eigenhändig gekennzeichnet. Das Fehlen in Paul Vogts Werkverzeichnis schien nicht zu irritieren. Inzwischen schrieb der am einstigen Wohnort des Künstlers in Hemmenhofen ansässige Nachlassverwalter Hans Geissler: "Das Gemälde stammt keineswegs aus der Hand Heckels. Das Bild weist nicht die geringste Ähnlichkeit mit seiner Malerei auf, sodass der Befund nicht eindeutiger sein könnte."

Verführerisch wirkte bei einer Wald- und Gebirgslandschaft mit der Signatur "Münter" eine angeblich von Rosel Gollek 1995 verfasste Expertise. In der Münchner Städtischen Galerie war sie bis 1989 für den "Blauen Reiter" zuständig. Das für Münter völlig untypische und im Lenbachhaus nicht registrierte Bild soll laut Gutachten in den 40er-Jahren entstanden sein. "Ich kann mich nicht erinnern", meint Gollek. "Sicher ist das 20 Jahre her." Nicht in Vergessenheit geraten sollte, dass es dem wissenschaftlichen Personal der Städtischen Galerie (ebenso wie bei staatlichen Museen) generell verboten ist, schriftliche Gutachten zu verfertigen.

Erschreckend ist, was nun zu diesem neuerlichen Komplex von Fälschungen und falschen Zuschreibungen in der Fachwelt geäußert wird. Annegret Hoberg, seit 1989 im Lenbachhaus die Nachfolgerin Rosel Golleks, bekommt "täglich 40 Anfragen, per E-Mail oder schriftlich. Ich muss sie alle abweisen, alles ist falsch. Was glauben Sie, was da alles los ist." Der Auktionator Robert Ketterer registriert ebenfalls "pro Tag 40 Angebote", bei denen 35 Absagen erfolgen. "Was alles angeboten wird - da können die Landeskriminalämter gar nicht nachkommen."

Katrin Stoll, Geschäftsführerin im Auktionshaus Neumeister: "Wir geben Bestätigungen, wenn die Sachen nicht echt sind, damit die Betreffenden davon Kenntnis haben." Für die Registrierung von Fälschungen und falschen Zuschreibungen in Form einer Datenbank oder einer zumindest für den Handel zugänglichen Liste reichen weder das Personal noch die Mittel.

"Eine zentrale Erfassung wäre schon schwierig wegen des Datenschutzes", meint Ketterer. So wandern die Falsifikate von einer Hand in die andere. Selbst wenn sie Gegenstand eines Gerichtsverfahrens werden, gelingt es nur selten, sie aus dem Verkehr zu ziehen.

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