Christine Stelzig vor ihrer jetzigen Wirkungsstätte, dem Völkerkundemuseum an der Maximilianstraße. Foto: Klaus Haag

„Es war Winnetou III"

München - Große Schätze, wenig Geld, schlechtes Image: Christine Stelzig, Direktorin des Völkerkundemuseums, sucht neue Wege

Christine Stelzig (48), gebürtige Rosenheimerin, aufgewachsen in Westfalen, ist seit 1. April die neue Direktorin des Staatlichen Museums für Völkerkunde an der Münchner Maximilianstraße. Sie übernahm das Amt von Claudius Müller. Zuvor war sie am Frankfurter Museum der Weltkulturen tätig. Ihre Karriere führte sie an ethnologische Museen von Paris bis Berlin. Die Wissenschaftlerin, die sich mit Themen aus der islamischen über die asiatische bis zur afrikanischen Welt beschäftigt hat, kennt München aus ihrer Studienzeit. Über ihre Ausstellungsprojekte will Stelzig noch nichts verraten. Deutlich wird aber im Gespräch ihr Interesse an Fotografie - und sie will die Klassische Moderne ins Völkerkundemuseum holen.

-Wie sollte ein Völkerkundemuseum für München ausschauen?

Das weiß ich noch gar nicht so genau, erst einmal muss ich in München ankommen, um das beurteilen zu können - zusammen mit dem Kollegium. Jede Stadt hat eine unterschiedliche Besucherstruktur hinsichtlich ihrer Kultureinrichtungen. Eine unserer Fragestellungen wird lauten: Wer ist unser Publikum, beziehungsweise wen wollen wir mit unserem Angebot erreichen? Mit so einem Museum verbinden sich oftmals ja diffuse Vorstellungen, was die Interessengruppen angeht: von Misereor oder nichtstaatlichen Organisationen bis hin zu Sammlerzirkeln. Die Antwort auf die Frage ist also schwierig, denn Völkerkundemuseen haben kein gutes Image, was ich ungerecht finde. Wir blicken, was das Münchner Museum angeht, auf eine bis in das Jahr 1868 zurückgehende Tradition zurück und sind nicht nur die älteste Institution dieser Art in Deutschland, sondern mit unserem Bestand an herausragenden Werken künstlerischen Schaffens außereuropäischer Kulturen eines der weltweit bedeutendsten Museen überhaupt.

-Wen wollen Sie nun ins Haus hereinziehen?

Idealerweise den interessierten Bildungsbürger, der sich jenseits von Wikipedia und Fernsehsendungen fundierter über Lebenswelten anderer Kulturen informieren möchte; immer in der Spiegelung unserer eigenen Realität. Das beinhaltet alle Altersgruppen. Kinder und Jugendliche sind für uns sehr wichtig, denn ich glaube, dass Völkerkundemuseen auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe haben. Sie sind Mittler zwischen den Kulturen: unserer eigenen Kultur und der der anderen. Sei es der von Migranten in erster und zweiter Generation bei uns, seien es die Kulturen aus fernen Ländern. Das Wissen darüber und den Respekt vor den unterschiedlichen Ausprägungen menschlicher Daseinsformen zu vermitteln, ist Aufgabe des Museums - Menschen auf der ganzen Welt haben dieselben Wünsche, Träume oder Hoffnungen.

-Die Deutschen reisen mit Feuereifer in die fernsten Länder. Das Interesse für Völkerkundemuseen ist jedoch arg bescheiden.

Wir haben eine veränderte Einstellung zu den Medien. Wir verfügen über sehr viel mehr Medien, als das vor 20, 30, geschweige denn vor 100 Jahren der Fall war. Das Angenehme der schnellen Informationsbeschaffung verführt dazu, dass man denkt: Warum soll ich’s mir noch einmal im Original anschauen? Das betrifft wohl nicht nur die Völkerkundemuseen. Mit den Fernreisen geht einher, dass jeder glaubt, Bescheid zu wissen. Zum Teil ist ja das Interesse gar nicht vorhanden. Es reicht einem, im Spa zu bleiben und das bisschen Touri-Angebot zu nutzen. All das sind Fragen, die wir klären müssen: Für uns geht es auch um den Bezug zur Gegenwart, ob das politische Probleme sind, ob das die Kunstszene ist. Ich möchte politischer werden - und provozierender in den Ausstellungen und den Themen. Die Vorgänge in Ägypten und Nordafrika könnten wir zum Beispiel begleiten.

-Wir blicken immer auf andere Kulturen, auf die Exoten sozusagen. Müssten wir nicht uns selbst mal völkerkundlich erforschen - wir die Exoten?

Das kann man durch Ausstellungen: Eines der klassischen ethnologischen Themen ist der Tod. Bestattungsrituale sind zum Beispiel faszinierend, und da stellt man sehr schnell fest, dass es auch hier weitaus mehr Ähnlichkeiten zwischen den Kulturen gibt als Trennendes.

-Sagt ein Völkerkundemuseum mehr über uns aus, die Betreiber, als über die Kulturen, die ausgestellt werden?

Ich würde sagen: genauso viel. Schon wo und wie es gebaut wurde, sagt viel aus. In München ist mir aufgefallen, dass das Völkerkundemuseum nicht angemessen wahrgenommen wird - trotz der großartigen Sammlungen und der exzellenten Arbeit, die von den Kollegen geleistet wird. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber wir gehen das jetzt an!

-Wie kamen Sie selbst zur Ethnologie?

Es war ein Sonntagnachmittag, und es war „Winnetou III“. Ich war zehn oder elf Jahre alt, und Winnetou wurde vom bösen weißen Mann erschossen. Damals habe ich mir gesagt: Du musst den Indianern helfen. Die Unterdrückung hat mich geärgert. Am Ende der Schulzeit habe ich festgestellt, dass es ein passendes Studienfach, Ethnologie, gibt. Es wurde in München angeboten. 1982 begann ich zu studieren. 1984 habe ich im Völkerkundemuseum mein erstes Praktikum gemacht - und über Jahre hinweg immer wieder mitgearbeitet. Ich wollte - wissenschaftlich fundierte - Museumsarbeit machen; die Liebe dazu ist hier gelegt worden.

-Wie ist die finanzielle Lage des Museums? Der bayerische Staat fordert Einsparungen, obwohl die Museen ohnehin alle unterversorgt sind. Sind Sie überhaupt noch handlungsfähig?

Das kann ich noch gar nicht beantworten. Ich kann Ihnen nur sagen, dass wir in Frankfurt mit 20 Mitarbeitern und 67 000 Objekten jährlich 100 000 Euro mehr zur Verfügung hatten. Hier habe ich 60 Mitarbeiter und 220 000 Objekte - und ein Gebäude aus den 1860ern.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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