Die Chinesin Chloé Zhao mit den zwei Oscars, die sie gewonnen hat.
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Als erste nicht-weiße Regisseurin wurde die Chinesin Chloé Zhao mit dem Regie-Oscar ausgezeichnet. Außerdem erhielt sie mit ihrem „Nomadland“ den Preis für den besten Film.

So bunt und divers wie selten zuvor: Die 93. Verleihung der Academy Awards

Die Oscars: So bunt wie selten zuvor. Wir bekennen Farbe!

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Alles war ein bisschen anders in diesem Jahr. Als Hauptschauplatz der Oscar-Show diente das Bahnhofsgebäude der Union Station in Los Angeles. Was der Gala einen intimeren und persönlicheren Anstrich verlieh. Überhaupt war diese 93. Verleihung der Academy Awards ein Meilenstein auf dem Weg in ein neues Hollywood.

Das Leben ist ein gnadenloser Drehbuchautor. Es schreibt Geschichten wie die von Thomas Vinterberg. Gefeierter dänischer Regisseur, zum zweiten Mal verheiratet, dreifacher Vater. Die eine Tochter, Ida, schickte ihm aus Afrika einen Brief, wenige Wochen vor Drehstart für seinen jüngsten Film „Der Rausch“. Begeistert sei sie gewesen von dem Projekt, voller Euphorie, auch selbst daran mitzuwirken, erzählt Vinterberg. Kurze Zeit später war Ida, gerade 19 Jahre alt, tot. Gestorben bei einem Autounfall. Weil ein anderer Fahrer an seinem Handy herumgedaddelt und nicht auf die Straße geschaut hatte.

Der Vater erlebte den tiefsten Schmerz; und steht nun, wenige Monate später, auf der Oscar-Bühne – mit dem Grund zu größter Freude in der Hand. Denn bei der 93. Verleihung der Academy Awards in der Nacht zum Montag wird der 51-Jährige mit der Trophäe für den besten nicht-englischsprachigen Film geehrt. „Ida, das ist ein Wunder, das gerade passiert ist. Du hast es möglich gemacht. Der hier ist für dich“, sagt der Vater, mit Tränen in den Augen.

Höchstes Glück, tiefster Schmerz – sie liegen eng beieinander am Abend dieser außergewöhnlichen OscarVerleihung, die trotz Corona-Pandemie stattfinden darf. Dafür hatten sich alle Gäste drei Mal testen lassen, waren zuvor einige Tage in Quarantäne gegangen, die Mehrheit ist zudem bereits geimpft. Und trotzdem durchfährt es einen als Zuschauer bei jeder euphorischen Umarmung, die da vor laufenden Kameras ausgetauscht wird, unwillkürlich: „Moment mal! Dürfen die das?“ Sie dürfen. In Zeiten, in denen schon Dreijährige lernen, ein Leben auf Abstand zu führen, wirkt jeder Hauch von Normalität wie eine Wohltat. Doch was heißt schon normal?

Diese Frage zieht sich wie ein roter Teppich durch den Abend. Mia Neal, zusammen mit Jamika Wilson und Sergio Lopez-Rivera ausgezeichnet für das beste Make-up und Hairstyling in „Ma Rayney’s black Bottom“, bemerkt angesichts der vielen nicht-weißen Nominierten in diesem Jahr: „Eines Tages wird es weder als unnatürlich noch als bahnbrechend hervorgehoben werden, wenn die Nominiertenliste so bunt ist. Sondern es wird für alle einfach völlig normal sein.“

Dieser Abend wirkt wie ein Meilenstein auf dem Weg hin zu diesem Ziel. Das hat auch mit dem ungewöhnlichen Format zu tun. Setzt Hollywood sonst auf große Show, wählt Regisseur Steven Soderbergh, der diesmal die Organisation in der Hand hatte, ruhige Töne. Keine musikalischen Auftritte, kein Orchester auf der Bühne. Vor allem: niemand, der den Geehrten nach ein paar Minuten Dankesrede den Ton abdreht. Das ist ein echter Gewinn. Und jede Sorge, die Sprecher könnten sich in ihrem Glückstaumel vor Worten gar nicht mehr bremsen, ist unbegründet. Soderbergh gab ihnen nur eine Bitte mit auf den Weg: Erinnert euch in euren Reden daran zurück, was euch einst für die Filmwelt eingenommen hat. Emotional solle es werden. Das können sie hier in Hollywood.

Daniel Kaluuya gewann die begehrte Goldstatuette für seinen Auftritt als Black-Panther-Aktivist Fred Hampton in „Judas and the black Messiah“.

Daniel Kaluuya, 32, ausgezeichnet als bester Nebendarsteller für seinen Auftritt als Black-Panther-Aktivist Fred Hampton in „Judas and the black Messiah“, dankt zuerst Gott. Noch viel gebe es zu tun für ihn und die Black Community. Aber, sagt er und grinst breit, „damit fange ich morgen wieder an. Heute wird gefeiert.“ Bis hierhin hat auch seine stolze Mama im Publikum über das ganze Gesicht gestrahlt – vergräbt es dann aber in ihren Händen. Als ihr Junior dem Millionenpublikum verkündet: „Meine Eltern hatten Sex, deshalb bin ich hier. Liebt! Seid friedlich! Feiert!“ Amen, Bruder.

Für Amüsement sorgt auch Yuh-Jung Youn – Hollywoods neue Lieblings-Grandma. Sie wird als beste Nebendarstellerin für ihren Auftritt im zauberhaften Film „Minari –Wo wir Wurzeln schlagen“ (jetzt schon im Kalender notieren: geplanter Kinostart 8. Juli) geehrt. Hereingetragen wird der Oscar von Brad Pitt – was die 73-Jährige fast noch mehr zu freuen scheint als der Preis selbst. „Mr. Brad Pitt! Finally!“, ruft sie aufgeregt. Der ist Mitproduzent des Werks, war aber bisher nie mit ihr in Kontakt. Kess kommentiert Yuh-Jung Youn: „Sie hätten ja mal bei uns am Set vorbeischauen können.“

Yuh-Jung Youn freute sich über ihren Oscar für ihre Rolle in „Minari“ – aber fast noch mehr darüber, dass Produzent Brad Pitt ihr überreichte.

Für die größte Sensation sorgt an diesem Abend eine weitere Frau aus Asien: Die Chinesin Chloé Zhao wird als erst zweite Frau und als erste nicht-weiße Regisseurin mit dem Regie-Oscar ausgezeichnet, außerdem gewinnt ihr „Nomadland“ den Hauptpreis in der Königskategorie „Bester Film“. Fast schüchtern wirkt die zarte Frau mit ihren langen geflochtenen Zöpfen. Doch dass sie sich selbstbewusst in diesem Haifischbecken Filmindustrie durchsetzen kann, zeigen die beiden Trophäen in ihrer Hand. Ihr Vater hat ihr diese Stärke einst mit auf den Weg gegeben, erzählt sie. Gemeinsam lernten sie früher Gedichte auswendig. Aus einem zitiert sie. Darin heißt es: Der Mensch ist von Geburt an gut. „Ich habe immer Gutes in den Menschen, die ich weltweit getroffen habe, gefunden. Das hat mir auch in schweren Zeiten weitergeholfen.“ Sie widmet ihren Preis allen, die „Courage haben, das Gute in sich selbst und in anderen hochzuhalten“.

Hollywood jubelt, China zensiert. In ihrer Heimat wird gleich nach der Bekanntgabe jede Meldung über Zhaos historischen Gewinn gelöscht. Weil sie es in der Vergangenheit gewagt hatte, Kritik an der chinesischen Regierung zu äußern. Manchmal ist die Welt noch immer schwarz und weiß. Man wünscht sich, dass Abende wie dieser sie ein bisschen bunter machen.

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