Stephanie Leue , geboren in Berlin , ist seit vier Jahren in München zuhause.

Stephanie Leue: „Wir dienen der Geschichte“

München - Stephanie Leue, Jahrgang 1977, gehört seit vier Jahren zum Ensemble des Bayerischen Staatsschauspiels. Diese Spielzeit ist ihre vorerst letzte in München.

In Arthur Schnitzlers „Der einsame Weg“ wird Leue als Johanna auf der Bühne des Residenztheaters zu sehen sein. Premiere ist am Samstag, Jens-Daniel Herzog inszeniert.

Sie haben bereits mehrfach mit dem Regisseur Jens-Daniel Herzog gearbeitet...

Das ist ein gutes Zeichen: Wenn man oft miteinander arbeitet, zeigt das, dass die Zusammenarbeit funktioniert. Und da er sehr viel Energie in die Arbeit bringt, macht es auch total Spaß. Herzog hat eine genaue Vorstellung von dem, was er will. Er geht aber auch auf Vorschläge von uns Schauspielern ein und freut sich, wenn wir eigene Ansätze entwickeln.

Kann ich mir den Probenprozess als eine Art Diskussion vorstellen?

Ja, das ist wie eine Unterhaltung zu einem Thema, die sich nicht nur verbal abspielt.

Sie sind seit vier Jahren am Staatsschauspiel – eine verlässliche Stütze vieler Inszenierungen, die nie ganz im Vordergrund stand...

Weihnachtsstimmung im Hause Wegrat ? Stephanie Leue als Johanna und Christi an Nickel , der ihren Freund Stephan von Sala spielt, in „Der einsame Weg“.

Das entspricht mir. Wenn man ein Stück macht, erzählt man zusammen eine Geschichte – und dieser dient man. Ich bin überzeugt, dass Theater eine Team-Aufgabe ist. Eine Inszenierung hängt zwar von Individuen ab, aber die müssen gut zusammenspielen. Ich mag es nicht, wenn ein Abend zu sehr auf eine Person zugeschnitten ist. Ich finde es viel schöner, wenn es eine mit acht mehr oder weniger gleich großen Partien besetzte Inszenierung ist, und die Zuschauer sagen: „Alle waren toll.“

Wie nähern Sie sich Ihren Figuren – etwa jetzt Schnitzlers Johanna?

Ich bereite mich im Vorfeld nicht zu sehr vor. Ich lasse mich reinziehen und finde die Leseprobe sehr erhellend, wenn ich zum ersten Mal die anderen Schauspieler höre. Viele Sachen, die ich nie erahnt hätte, entdecke ich während der Proben. Grundsätzlich lasse ich mich erst mal auf alles ein – und merke dann nach und nach, was stimmt und was nicht.

Wie war das bei Johanna?

Beim ersten Lesen hielt ich das Stück für larmoyant und dachte, dass sich vor allem Johanna von Beginn an aufgegeben hat. Wie soll da noch etwas in Bewegung geraten? Dann habe ich bemerkt, dass diese junge Frau natürlich um ihr Glück kämpft und sich natürlich verlieben will. So fächert sich eine Figur nach und nach auf.

Sigmund Freud lobte an Schnitzler dessen „Ergriffensein von den Wahrheiten des Unbewußten, von der Triebnatur des Menschen“. Können Sie damit etwas anfangen?

Ja, denn das Stück ist doppelbödig. In dieser Wiener Gesellschaft wird wahnsinng viel parliert – aber hinter dieser Fassade der Konversation zeigen sich die wahren Verhältnisse der Figuren zueinander. Die wissen genau, wie sie sich verletzen können. Ein Beispiel: Johanna erzählt ihrem Vater etwas, und er antwortet: „Nun ja.“ Damit sagt er ihr, dass sie ihm egal ist – und vielleicht schon immer war.

Es gibt ja auch diesen Gegensatz zwischen dem Auftreten der Figuren in der Gesellschaft und ihrer Vereinsamung. Ist das noch oder wieder aktuell?

Total. Das gilt vor allem für die Frage nach der Doppelbödigkeit: Wie will ich von der Gesellschaft wahrgenommen werden? Wie präsentiere ich mich, welchen Entwurf mache ich von mir und meinem Leben? Und wie bin ich wirklich? Jede Figur könnte auch heute existieren. Johanna etwa ist jemand, der alles ausprobieren konnte und darüber verlernt hat, Entscheidungen zu treffen.

Wie verhindert man das in seinem eigenen Leben?

(Lacht.) Das weiß ich nicht. Irgendwann muss man sich entscheiden, dann muss man wissen, was man will.

Wann wussten Sie, dass Sie Schauspielerin werden wollen?

Als Jugendliche. Als ich 14 oder 15 Jahre alt war, habe ich im Theater Sachen gesehen, die mich total beeindruckt haben. Das wollte ich auch können!

Diese Zielstrebigkeit scheinen Sie beibehalten zu haben: „Es werde Licht“ heißt die Internetseite, auf der Sie sich gemeinsam mit Schauspielkollegen selbst präsentieren – ohne Schauspiel-Agentur.

Natürlich gibt es einen Grund für die Existenz von Schauspiel-Agenturen, die auch wesentlich besser vernetzt sind als wir. Aber wir wollten eben selbst etwas anstoßen und nicht darauf warten, bis wir angesprochen werden. So ist diese – basisdemokratische – Plattform entstanden.

Dies ist Ihre letzte Spielzeit im Ensemble des Bayerischen Staatsschauspiels. Was kommt danach?

Ich werde aus familiären Gründen nach Norddeutschland ziehen. Diese Inszenierung ist meine vorerst letzte Premiere in München.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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