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Wollen Sinnlichkeit: Dramaturgin Dominica Volkert und Studentin Rebecca Graitl (re.).

Bayerische Theaterakademie

"Wir fuhrwerken keck im Stück herum"

Dramaturgen sind für das Publikum unsichtbar. Sie stehen zwar im Programmheft, das sie selbst machen, aber sie fehlen beim Applaus nach der Vorstellung. Für sie bleibt der Vorhang geschlossen, und mancher Theater- oder Opernbesucher fragt sich: Was tun die eigentlich?

In der jüngsten Produktion der Bayerischen Theaterakademie, der Semi-Opera "The Fairy Queen" von Henry Purcell (Premiere morgen, 19.30 Uhr im Prinzregententheater), sind gleich zwei Dramaturginnen am Werk. Sie gaben bereitwillig Auskunft über ihr Tun.

Die Münchnerin Dominica Volkert, seit 2006 Operndirektorin und Leitende Dramaturgin am Theater Freiburg, gelangte über den Regisseur Thomas Krupa ins Team. Die aus Berchtesgaden stammende Rebecca Graitl ist noch Studentin (7. Semester) und darf an der Theaterakademie den "Ernstfall" proben. Für beide Damen bot gerade "The Fairy Queen" eine echte Herausforderung. Purcells Stück, das insgesamt 60 Musiknummern umfasst und sich an Shakespeares "Sommernachtstraum" anlehnt, ist "ein eigenwilliges, offenes Stück", erklärt Volkert.

Akademiechef Klaus Zehelein, früher selbst einer der führenden Dramaturgen des Opernbetriebes (Frankfurt, Stuttgart), hatte bei Durs Grünbein eine neue deutsche Textfassung in Auftrag gegeben, die bis zuletzt noch verändert und an die ausgewählten etwa 45 Musiknummern angepasst wurde. "Es war ein Geben und Nehmen wie in einer Uraufführungssituation", schwärmen die Dramaturginnen, die sich als "erste kritische Zuschauer" einer Produktion verstehen. Sie wehren sich gegen das Image, ständig hinter dicken Folianten zu hocken und nur dem Werk, seiner Entstehungsgeschichte oder dem sozialen Umfeld der Komponisten/Autoren auf der Spur zu sein.

Sozusagen das intellektuelle Gewissen einer Produktion darzustellen. "Das ist zu hoch gegriffen", wirft Volkert ein. "Alle intellektuelle Auseinandersetzung mit einem Werk ist nur Vorarbeit. Die konkrete Umsetzung muss etwas mit Sinnlichkeit zu tun haben." Volkert zitiert Zehelein, der immer gefragt habe: "Aber wie geht es an auf der Bühne?" Dramaturgen fragen nach, wenn etwas auf der Szene unschlüssig erscheint, wenn es irgendwo hakt.

"95 Prozent unseres Berufes sind Kommunikation", erläutert die Fachfrau. Und die Studentin erzählt von ihrer Doppelfunktion als Produktions-Dramaturgin und Regie-Assistentin. "Es sind zwei höchst unterschiedliche Blickwinkel: Als Dramaturgin bin ich Test-Seherin und brauche die Distanz. Als Assistentin muss ich vor allem auf die handwerkliche Umsetzung auf der Szene achten und genau Buch führen." Der intensive Gedankenaustausch zwischen Dramaturgen, Regisseuren, Dirigenten (Christoph Hammer leitet die Premiere) und Sängern führt dann auch während der Proben oft noch zu musikalischen oder szenischen Umstellungen. Gerade bei Purcells beinahe revueartigem Opus ist die Manövriermasse groß. Seine Semi-Opern oder "Masques" vereinen Schauspiel, Gesang, Tanz und Instrumentalmusik. In der "Fairy Queen" sind Oberon und Titania, Puck und Zettel Schauspieler. Die Sänger treten als Allegorien auf und singen ihre Arien im englischen Original.

Da kam es sogar vor, berichtet Rebecca Graitl, dass ein Sänger, der Countertenor, seine Bühnenpräsenz mit einer zweiten Arie untermauern wollte. Bei Purcells musikalischem Angebot kein Problem: Er bekam sie. Zum Ablauf des Stücks erläutern die Kolleginnen: "Ein lockerer Handlungsstrang ist da", so Graitl, und Volkert fügt hinzu: "Diese Beziehungskiste um Oberon und Titania bindet schon Purcell in ein höfisches Fest ein, eine Selbstfeier des Theaters und seiner Maschinerie. Wir fuhrwerken keck und frech im Stück herum und präsentieren letztlich eine festliche Nacht, in der es drunter und drüber geht." In Purcells Original-Fassung stauen sich zu den Aktschlüssen die Musikblöcke. Auch das hat das Regieteam aufgebrochen. Volkert: "Die Musik offenbart in den vielen Tänzen einen repräsentativen Charakter. Wir nutzen sie auch dafür, das Unsagbare nach außen zu stülpen, die Schranke zwischen außen und innen aufzumachen. Es gibt übrigens wunderbare ironische Momente."

Dass unbändige Theaterleidenschaft dazugehört, wenn Dramaturgen ihre Arbeit richtig und gut machen wollen, steht sicher außer Frage. Zusammen mit all den anderen "Unsichtbaren" (Technik, Maske, Requisite, Licht, Ton), die mit dafür sorgen, dass "der Lappen hochgeht", fiebern auch sie jeder Premiere entgegen. Dass an der Bayerischen Theaterakademie Studenten aus allen Sparten sich erproben dürfen, ist ein einzigartiger Glücksfall und beste Voraussetzung für "The Fairy Queen".

Informationen

Karten unter Telefon 089/ 21 85 28 99.

Gabriele Luster

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