+
Der Neubau der Hochschule für Fernsehen und Film an der Gabelsbergerstraße in München. Im vergangenen August hat die Einrichtung das Gebäude bezogen. Derzeit werden hier rund 350 Studenten ausgebildet.

Filmhochschule: „Wir gelten als die Oscar-Schmiede“

München - HFF-Präsident Gerhard Fuchs spricht im Merkur-Interview über die Kritik an der Hochschule für Fernsehen und Film sowie deren künftige Vorhaben.

Filmproduzent Martin Moszkowicz, bei der Constantin Film für den Bereich Kino und Fernsehen verantwortlich, hat im Gespräch mit unserer Zeitung die Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) scharf kritisiert: Die Lehre an der HFF sei in den Siebzigern stehengeblieben, die Hochschule würde am Markt vorbei ausbilden, eine Verzahnung mit der Filmbranche fehle fast vollständig. Wir haben HFF-Präsident Gerhard Fuchs, der auch Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks ist, zu diesen Vorwürfen befragt.

Ist die Hochschule für Fernsehen und Film tatsächlich in den Siebzigern stehengeblieben, wie Constantin-Chef Martin Moszkowicz kritisiert?

Dieser Vorwurf verwundert mich stark. Gerade haben beim Bayerischen Filmpreis zwei Absolventen den Nachwuchsproduzentenpreis erhalten. Dass unsere Hochschule als die deutsche Oscar-Schmiede Bedeutung hat und wertgeschätzt wird, kann nicht damit begründet werden, dass wir in den Siebzigern stehengeblieben sind. Ich nenne mal nur zwei junge Regisseure und Autoren, die höchst erfolgreich arbeiten: Hans Steinbichler, der eine beeindruckende Bildsprache für seine Filme gefunden hat, und Marcus H. Rosenmüller, der mit einer unglaublichen Sprachgewalt und großem Wortwitz erzählt. Das ist Gegenwarts-Kino und Gegenwarts-Fernsehen. Ich sage unseren neuen Studenten zu Beginn ihrer Zeit an der HFF, dass ich mir wünsche, dass sie nicht nur lernen, was im Augenblick im Markt vorhanden ist, sondern dass sie auch vorausdenken: Sie sollen Dramaturgien und Haltungen entwickeln, die in fünf Jahren beispielgebend sein könnten. Das ist unser Anspruch.

Wie hilft die HFF ihren Studenten, Visionäres zu entwickeln?

Im Grundstudium muss man das Handwerk lernen, muss mit der Technik umgehen können, muss Filmgeschichte gelernt und beispielhafte Filme gesehen haben. Im Hauptstudium sollte dann etwas entstehen, das den Betrachter staunen lässt. Da kommt manchmal sicher auch etwas heraus, was noch nicht marktfähig ist. Aber genau das wünsche ich mir: Dass an der HFF auch mal etwas entsteht, was nicht Mainstream ist. Natürlich müssen wir den Markt bedienen. Aber unsere Absolventen sollen sich nach dem Abschluss ihres Studiums mit einer eigenen Handschrift präsentieren können. Denn das macht ihre Zukunftsfähigkeit aus.

Was muss man können, wenn man das Studium an der HFF beendet hat?

Zunächst: Ich kenne die Studenten bereits, bevor sie mit dem Studium beginnen, denn wir haben ein sehr ausführliches Aufnahmeverfahren. Dabei muss der Bewerber sich so präsentieren, dass wir ihm zutrauen, sich in dieser Branche bewähren zu können. So finden wir die Besten der besten Bewerber. Denn es bringt nichts, jemanden durch ein Studium zu schleppen, bei dem man ahnt, dass es nichts wird. Wer bei uns studiert, muss über eine hohe individuelle Kreativität verfügen. Die müssen wir fördern und zugleich darauf achten, dass sie nicht aus dem Ruder läuft. Die Kreativität muss dann zusammengeführt werden mit der Fähigkeit, im Team arbeiten zu können. Das geht bei Film und Fernsehen gar nicht anders. Als Regisseur muss ich Teams aus 40, 50 Leuten führen können. Das müssen wir unseren Studenten beibringen.

Ein weiterer Vorwurf war ja, dass Sie am Markt vorbei ausbilden...

Das verstehe ich nicht. Jede Abteilungsleiter-Stelle ist extern besetzt, kommt also aus der aktiven Film- und Fernseharbeit. Ein Beispiel: Als Michael Ballhaus mir vor einigen Jahren gesagt hat, dass er gerne bei uns lehren würde, habe ich – ohne Steuergelder, sondern über private Sponsoren – den Kamera-Studiengang aufgebaut. Aktuell arbeiten wir an zwei neuen Abteilungen: „Games“ und „Entertainment“, also Computerspiele und Fernseh-Unterhaltung, weil wir unser Angebot natürlich weiterentwickeln wollen.

Die Hochschule ist ja aus Giesing mitten rein in die Maxvorstadt und damit ins öffentliche Bewusstsein gezogen...

Das bringt den jungen Kreativen unglaublich viel. Die Vernetzung im Kunstareal mit seinen Museen, die Kooperation mit den beiden Münchner Universitäten, das Arri-Kino, die Staatsbibliothek, die Kunstakademie, die Musikhochschule – das ist ein wunderbares Areal, in dem wir wunderbar zusammenarbeiten können. Das bedeutet einen zusätzlichen Schub für unsere kreative Arbeit.

Das heißt, Sie können sich einen gemeinsamen Studiengang, etwa mit der Technischen Universität (TU), vorstellen?

Ja. Gerade laufen Gespräche zu einem gemeinsamen VFX-Studiengang (Abk. für visual effects, Anm. d. Red.). Wir können am Medien-Standort München nicht an verschiedenen Orten dasselbe lehren. Wir müssen uns gemeinsam organisieren und vernetzen. Unlängst war etwa der Präsident der Hochschule für Philosophie bei mir, um einen gemeinsamen Studiengang „Medienethik“ zu konzipieren. Der scheidende ZDF-Intendant Markus Schächter wird sich hier als Gründungs-Professor einbringen.

Sie hoffen, dass Ihre Studenten Visionen entwickeln. Wie sieht Ihre Vision für die HFF aus? Wo sehen Sie die Hochschule in einigen Jahren?

Wir werden immer noch als die Oscar-Schmiede in Deutschland bezeichnet. Wenn wir diesen Anspruch in die nächsten fünf Jahre hineintragen können, bin ich mit mir im Reinen.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zum Tod von Margot Hielscher: Eine Dame und Diva
Trauer um die Münchner Schauspielerin, Sängerin und Talkshowmoderatorin Margot Hielscher.
Zum Tod von Margot Hielscher: Eine Dame und Diva
Schauspiel-Legende Margot Hielscher gestorben
Sie war eine deutsche Diva und ein Multitalent: Margot Hielscher. Die Grande Dame der Leinwand, Showbühne und des Fernsehens war jahrzehntelang erfolgreich. Nun ist sie …
Schauspiel-Legende Margot Hielscher gestorben
„Lear“ in Salzburg: Apokalypslein now
Die letzte Premiere der Salzburger Festspiele bringt ein Schlüsselwerk der Moderne auf die Bühne, Aribert Reimanns „Lear“. Während Bariton Gerald Finley triumphiert, …
„Lear“ in Salzburg: Apokalypslein now
Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird
Sie wurde Letzte beim ESC 2016. Doch trotzdem machte sie weiter. Doch jetzt sind die Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird.
Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird

Kommentare