+
Lässig sitzt Martin Ku(s)ej auf dem Schreibtisch in seinem Büro im Münchner Residenztheater. Seit einer Spielzeit ist der 51-Jährige Intendant des Hauses. In dieser Zeit habe er viel lernen müssen, aber auch „ganz tolle Momente“ erleben dürfen, erzählt der Kärntner.

„Wir haben definitiv Fehler gemacht“

München - Martin Ku(s)ej spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über sein erstes Jahr als Intendant des Residenztheaters, schreckhafte Zuschauer und seine Lernprozesse.

Am Samstag endet mit dem „Sommernachtstraum“ Martin Kusejs erste Spielzeit als Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels. Wie berichtet, gibt der 51-jährige Kärntner die durchschnittliche Auslastung im Residenz- und Cuvilliéstheater sowie im Marstall mit rund 70 Prozent an. Ein Wert, mit dem Kuej nicht zufrieden ist. Zum Gespräch in seinem angenehm zurückhaltend eingerichteten Büro empfängt der Intendant zwar etwas erschöpft – von Resignation kann jedoch keine Rede sein: Eine richtige Bilanz wolle er erst nach drei Spielzeiten ziehen, sagt Martin Kuej.

Bei unserem Gespräch im vergangenen Herbst, kurz bevor Sie in Ihre erste Spielzeit als Intendant gestartet sind, haben Sie gesagt, Sie wollen das Publikum weder erschrecken noch es ihm „nett und angenehm“ machen. Ging dieser Ansatz auf?

Dieser Ansatz ging in jedem Fall auf. Mittlerweile muss ich das Erschrecken eher in Erwägung ziehen: Manchmal ist es passiert – oder ich hatte zumindest das Gefühl, dass die Zuschauer erschreckt waren.

Womit haben Sie am meisten Schrecken verbreitet?

Das kann man gar nicht an einzelnen Projekten oder Inszenierungen festmachen. Ich habe unterschätzt, dass ein großer Teil des Publikums tatsächlich so konservativ ist, dass schon die geringsten Blutspritzer auf der Bühne reichten – und die Leute waren echt erschrocken. Oder ich hatte Diskussionen über moderne Texte oder Fäkalausdrücke auf der Bühne: Das übliche Repertoire des Bildungsbürgers, der noch immer meint, dass nur die holde, edle Kunst auf der Bühne verhandelt wird. Das Erschrecken hat sich bei einem Teil der Zuschauer einfach eingestellt. Ich hatte das nicht vor, denn ich finde nicht, dass das eine Kategorie für einen Theatermacher ist. Jetzt muss ich damit umgehen.

Wie tun Sie das?

Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Man nimmt das offensiv an und sagt: „Wenn Ihr Euch sowieso erschreckt, dann erschrecke ich Euch auch.“ Dann habe ich zumindest das Gefühl, dass ich es im Griff habe und nichts zufällig geschieht. Andererseits glaube ich aber, dass viele Leute sich nur erschrecken, weil sie nicht ausreichend informiert sind. Deswegen will ich zum Beispiel Publikums- und Einführungsgespräche, Diskussionen mit Schauspielern – also diese ganze Schiene der Rahmenveranstaltungen – in der nächsten Spielzeit mehr betonen. Denn ich merke, dass es manchmal nur einiger Sätze bedarf, um die Leute bei der Stange zu halten. Nach so einer Diskussion sind zumindest 100 Leute nicht mehr erschrocken, sondern interessiert.

Wie groß ist Ihre Enttäuschung über die rund 70 Prozent Auslastung in Ihrer ersten Münchner Spielzeit?

Ausblick auf die Spielzeit 2012/13

Am 19. September startet das Bayerische Staatsschauspiel in die neue Spielzeit. Bis Ende September stehen Stücke aus dem Repertoire auf dem Spielplan. Die erste Premiere der neuen Saison findet am 2. Oktober im Residenztheater statt: Tina Lanik inszeniert Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“. Am 19. Oktober kommt Patrick Steinwidders Interpretation von Arthur Schnitzlers „Reigen“ im Marstall heraus. Hausherr Martin Ku(s)ej inszeniert Henrik Ibsens „Hedda Gabler“ mit Birgit Minichmayr in der Titelrolle. Premiere ist am 26. Oktober im Residenztheater. Ku(s)ejs erste Münchner Spielzeit endet an diesem Samstag mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ (Regie: Michael Thalheimer). Weitere Informationen im Internet unter www.residenztheater.de.

Wie soll die Enttäuschung klein sein bei jemandem, bei dem seit Jahren alles, was er macht, ausverkauft ist? Natürlich gibt es Enttäuschung. Aber ich muss wissen, dass man letztlich nur mit Geduld weiterkommt. Da muss ich ein paar Erwartungen revidieren, die ich vielleicht zu groß und zu positiv gehabt habe. Theater sind ja 27 verschiedene Premieren im Jahr, die ihr Publikum finden müssen – und daraus ergibt sich eine durchschnittliche Auslastungszahl. Ich will sie verbessern. Das ist eh klar. Aber es gibt gar nicht so viele Theater, die aktuell bessere Zahlen haben, weil es auch ein grundsätzlicher Trend ist. Das befriedigt mich aber nicht. Gar keine Frage.

Haben Sie das Gefühl, etwas falsch eingeschätzt zu haben?

Ja. Ich war viel zu optimistisch. Ich will mich da nicht rausreden. Wir haben definitiv Fehler gemacht. Wir haben etwa falsch eingeschätzt, dass man auf der großen Bühne mit neuen Texten schon gleich mal nicht weiterkommt. Da rede ich jetzt noch gar nicht über die Qualität der Aufführungen. Das ist einfach etwas, das wird nicht angenommen wie ich es mir erwartet hätte. Oder die Idee, im Cuvilliéstheater grundsätzlich Uraufführungen zu zeigen: Die wurde nicht angenommen. Die Leute gehen ins Cuvilliés, weil sie die Putten sehen wollen – oder die zumindest lieber. So ist es nun mal. (Lacht.)

Welcher Lernprozess war in Ihrem ersten Intendantenjahr der schmerzhafteste?

Meine Idealvorstellung war, meine Erfahrung, meine Kreativität einem Haus und Ensemble zur Verfügung zu stellen und hier künstlerische Weichen zu stellen, die mit der Art, wie ich Theater mache, zu tun haben. Und vor allem will ich auch die Leute, die hier arbeiten, motivieren, so ein Theater zu machen und das nach draußen zu tragen. Das ist mir, glaub’ ich, schon gelungen – insbesondere was die Motivation betrifft. Ich würde aber sagen, mich hat das schiere Arbeitspensum fast erschlagen, weil ich ja auch noch inszeniere. Diese parallele Tätigkeit ist massiv zeit- und energieaufwändig. Ich habe lernen müssen, wie ich mit der Verantwortung umgehe, dass schlussendlich auch ich den Kopf hinhalten muss für Fehlleistungen von anderen Leuten. Das ist ein schwieriger Lernprozess gewesen. Das hebt sich dann aber auch wieder auf durch ganz tolle Momente, tolle Ergebnisse.

Bleiben wir bei den tollen Resultaten: Womit sind Sie zufrieden?

Ehrlich gesagt bin ich weder im Positiven noch im Negativen an einem Punkt, an dem ich Bilanz ziehen könnte. Das will ich auch nicht so verstanden wissen. Ich bin mitten drin, erst einmal zu erfahren, dann zu analysieren und vielleicht irgendwann mal zu sagen: Das war besser und das war schlechter. Ein paar Sachen weiß ich – das betrifft den Spielplan, die Auswahl der Stücke und was man wo spielt. Aber jeder erfahrene Intendant sagt mir: „Du musst Dir drei Jahre Zeit geben, dann kannst Du Bilanz ziehen.“ Ich bin in jedem Fall sehr begeistert, dass wir enorm viel hier bewegt haben, dass wir enorm viel durcheinandergewirbelt und die Erwartungshaltungen so nicht mehr erfüllt haben. Der Prozess der Erneuerung, mit dem ich hier angetreten bin, ist in jedem Fall gelungen. Da krieg’ ich tolles Feedback von Besuchern, die das in sehr starkem Maße begrüßen. Natürlich bin ich auch zufrieden mit der Entwicklung des Ensembles, damit, dass die Schauspieler sich hier sehr rasch etabliert haben. Und dann gibt es noch die ein oder andere Inszenierung, mit der ich zufrieden sein kann. Ich erzähl’ Ihnen jetzt aber nicht, welche das ist. (Lacht.)

In Ihrem neuen Spielplan für die Saison 2012/13 finden sich erstaunlich viele Klassiker des Repertoires. Hat Sie der Mut zur zeitgenössischen Dramatik etwas verlassen?

Ist es wirklich unmutig, wenn man den „Revisor“ von Herbert Fritsch inszenieren lässt? Ich mache da keinen so großen Unterschied: Du kannst den „Sommernachtstraum“ modern inszenieren oder „Zur Mittagsstunde“ von Neil LaBute konventionell. Aber natürlich ist Ihre Vermutung richtig, dass ich etwa zehn, zwanzig Prozent zu Gunsten eines etwas ansprechenderen Repertoires im klassischen Sinn verändert habe.

Wann ist die kommende Spielzeit für Sie ein Erfolg?

Vielleicht sollten wir uns im Herbst noch mal treffen, dann kann ich diese Frage mit frischer Energie beantworten.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Ilse Neubauer feiert 75.: Ein guter Jahrgang
Das Ilse-Hasi aus der Hausmeisterin, die Oma aus den Eberhofer-Krimis: Schauspielerin Ilse Neubauer ist seit vielen Jahrzehnten bekannt und beliebt: Heute feiert sie …
Ilse Neubauer feiert 75.: Ein guter Jahrgang
Filmfest München würdigt Sofia Coppola
Unübliche Welten, besondere Beziehungen: Das Filmfest München hat Sofia Coppola für ihre eigene Filmsprache gewürdigt.
Filmfest München würdigt Sofia Coppola
Der Freundeskreis bringt die Münchner in Wallung
Freundeskreis feierten beim Tollwood-Festival mit Joy Denalane sowie den Rappern Afrob und Megaloh ihren alten und neuen Erfolg.
Der Freundeskreis bringt die Münchner in Wallung
50. Todestag von Oskar Maria Graf - Diagnose: Idiot
Der Schriftsteller Oskar Maria Graf hat seinen 50. Todestag. Wir decken seine kaum bekannte verrückte Frühzeit auf.
50. Todestag von Oskar Maria Graf - Diagnose: Idiot

Kommentare