Kontroverse Debatte: Carin Bucke (l.) und Ann Yacobi. foto: Leiprecht

„Wir haben Kinder, und die gehen vor“

München - Carin Bucke, 51, hat sich vor 18 Jahren gegen den Job entschieden: Sie gab für ihre zwei Söhne den Beruf als Logopädin auf. Für Ann Yacobi, 38, Mutter dreier Kinder und Werbetexterin, käme das nicht infrage. Ein Streitgespräch.

Frau Bucke, warum haben Sie aufgehört zu arbeiten?

Bucke: Ich wollte die Entwicklung meiner Kinder intensiv miterleben. Deshalb habe ich mich bewusst dafür entschieden. Ich fühle mich berufstätigen Müttern deshalb nicht unterlegen. Zwar stehe ich nirgendwo in Büchern verewigt und habe das Brutto-Sozial-Produkt nicht gesteigert. Aber ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass es in unserer Familie funktioniert. Das ist mehr, als mir ein beruflicher Erfolg geben könnte.

Yacobi: Ich sehe das anders. Für mich ist Arbeit Teil eines selbstbestimmten Lebens. Das heißt aber nicht, dass meine Kinder mir nicht wichtig sind. Ich teile mir meine Arbeit ein und halte bewusst Zeit frei, die ich mit ihnen verbringe. Wenn wir einen Besuch im Zoo planen, dann kommt da auch nichts dazwischen.

Und warum wollten Sie nicht ganz damit aufhören?

Yacobi: Ich will niemanden um Erlaubnis fragen müssen, wenn ich mir was leisten möchte. So kann ich meinen Kindern eine gleichberechtigte Partnerschaft vorleben. Familie ist Teamarbeit. Als Mutter bin ich nicht alleine verantwortlich. Arbeit und Familie ist eine große Herausforderung und erfordert gute Planung. Auch für mich und meinen Mann gilt: Wir haben Kinder, und die gehen vor. Aber ich möchte ihnen auch vermitteln, dass Arbeit wichtig ist. Würde ich selbst nicht arbeiten, wäre das unglaubwürdig.

Bucke: Mein Mann verdient das Geld für uns als Familie und nicht für sich. Dafür bringe ich einen anderen Teil ein. Eine Partnerschaft mit verteilten Rollen heißt, auch mal für die Familie zurückzustecken. Genau das leben wir unseren Söhnen vor.

Was sind die Vorteile, wenn die Mutter daheim bleibt?

Bucke: Da sind vor allem die spontanen Aktionen. Wenn das Wetter schön ist, müssen wir nicht erst planen, sondern gehen einfach schwimmen. Uns hindert ja nichts daran. Dann ist das Kind keine Pflicht, dann ist es Belohnung. Meine Söhne wissen, dass ich jederzeit für sie da bin. Wenn sie mittags aus der Schule kommen, ist da jemand. Das verbindet uns. Würde ich erst spät abends gestresst und unter Druck von der Arbeit heimgekommen, wäre das anders.

Yacobi: Arbeit auf Druck zu reduzieren, entspricht nicht meinen Erfahrungen. Sie gibt mir auch Anerkennung und Stolz. Außerdem wirkt sich die Abwechslung zwischen Arbeit und Familie positiv auf meine Belastbarkeit im Job aus. Das motiviert mich.

Haben Sie als Selbstständige bessere Möglichkeiten, Familie und Beruf zu vereinen?

Yacobi: Ja. Steigt eine Frau in Festanstellung wegen des Kindes kurz aus dem Beruf aus, ist es schwer, wieder reinzukommen. Dieses Problem habe ich als Selbstständige nicht. Natürlich ist bei mir die Belastung stärker und ich trage große Verantwortung. Bei guter Planung geht das aber nicht zu Lasten der Kinder. Aber sicher gibt es kurzfristige Aufträge, und dann lässt es sich nicht vermeiden, dass ich auch mal abends arbeiten muss.

Wird die Aufgabe der Mutter und Hausfrau genügend gewürdigt?

Bucke: Meine Entscheidung konnten viele nicht nachvollziehen. Ständig die Fragen: „Willst du nicht wieder anfangen?“ Und vor allem: „Wann fängst du denn wieder an?“ Aber wenn mein Kind zu mir kommt und sagt: „Mensch, Mama, das war toll, ich wusste, du warst immer da, standest immer hinter mir.“ Dann ist mir das viel wichtiger.

Yacobi: Für Kinder da sein, hängt für mich nicht davon ab, ob man arbeitet oder nicht. Auch ich höre ihnen zu, stehe hinter ihnen. Für mich ist eine berufstätige Mutter nicht unbedingt eine schlechte Mutter und eine Mutter, die daheim bleibt, nicht automatisch eine gute.

Werden Sie mit dem Vorurteil „Rabenmutter“ konfrontiert?

Yacobi: Ich persönlich nicht. Es gibt aber viele berufstätige Mütter, die unter dem Vorurteil leiden. Manche haben ein schlechtes Gewissen. Das liegt auch an der schlechten Kinderbetreuung in Deutschland. Es ist schwierig, Kitaplätze zu finden. Die Qualität variiert stark. Würde hier Abhilfe geschaffen, wäre das Vorurteil nicht mehr so präsent.

Frau Bucke, würden Sie heute wieder so entscheiden?

Bucke: Auf jeden Fall. Die Jahre waren sehr erfüllend. Schade, dass viele Frauen aus finanziellen Gründen heute gar nicht die Möglichkeit haben, sich gegen den Beruf zu entscheiden. „Fulltime-Mütter“ sind nämlich keine „Desperate Housewives“.

Moderiert von André Cloppenburg und Lucas Radermacher.

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