Wir, die kleine Pipifaxband

- John Lennon war überzeugt: "Good old Klausi from Germany" würde der Richtige sein für diesen Job. Es war 1966, die Beatles hatten ihre neue LP so gut wie im Kasten, nun brauchte man jemand, der die Hülle gestaltet. Schwierig. Zwar hatten die Fab Four schon bewiesen, dass ihnen das Rock'n'Roll-Format zu eng ist. Das neue Album "Revolver" aber sollte alles Dagewesene in den Schatten stellen: Auf jedes Trinklied ("Yellow Submarine") kam mindestens ein abgefahrenes Sound-Experiment.

Ein avantgardistischer Versuchsballon. Fürs Cover benötigte man also einen, dem man vertrauen konnte, einen Freund. Und einen Fachmann.

"Mensch - wie im Kaiserkeller. Die gleichen O-Beinchen. Wahnsinn."

Klaus Voormann

Als Klaus Voormann den Anruf bekam, war er erst einmal sprachlos. "Hey Mann, kapierst du nicht? Wir hätten gern, dass du unser nächstes Cover machst. Du weißt doch, für uns, die kleine Pipifaxband Beatles, die kein Schwein kennt, anscheinend nicht mal unser Freund Klaus?" Lennon war in der Leitung, ungeduldig, wie so oft. "Ich hab' erst rumgedruckst, weil ich ja seit Jahren keinen Stift in der Hand hatte", erinnert sich Voormann. Er hatte zwar in Hamburg an der Meisterschule für Gestaltung studiert. Doch im Moment war er in London als Bassist unterwegs. "Es hätte doch sein können, dass ich versage. Schließlich ging es um die berühmteste Band der Welt."

Er sollte seine Sache hervorragend machen. "Mit dem Ergebnis bin ich immer noch zufrieden", sagt Voormann, der heute 68 Jahre alt ist, mit nasaler, ruhiger Stimme, die immer noch stolz klingt. Wasserblaue Augen, weiße Mähne und Spitzbart - ein Don Quijote in braunen Lederschlappen, Shorts und Schlabber-Shirt.

Als sein Werk am 5. August 1966 in die Läden kam, staunten die Fans nicht schlecht. Inmitten poppiger Farbenfreude stach "Revolver" schwarz-weiß hervor. Die Gesichter der vier nur skizziert und Haare, wohin man sah. Dazwischen eine Collage aus Schnappschüssen der Beatles. Die Gesichter selbst sahen gespenstisch aus - die Augen aus Fotografien ausgeschnitten und aufgeklebt, sodass es schien, als blickten sie durch Masken.

Voormann hat für "Revolver" den Grammy gewonnen. Er war einer der gefragtesten Studio-Musiker der 70er. Er spielte auf John Lennons "Imagine", stand mit Eric Clapton auf der Bühne und hat später deutsche Nummer-eins-Hits produziert. Aber in seinem Atelier unterm Dach eines Bauernhauses am südlichen Starnberger See ist von Luxus keine Spur. Beatles-Porträts an der Wand, eine selbst gebaute Gitarre, auf dem Couchtischchen eine Broschüre über Pieter Brueghel den Älteren. Luxus? "Besonders viel Geld hab' ich nicht", sagt er. Das "Revolver"-Cover gilt als Ikone der Popkultur. "Damals betrug mein Honorar 50 Pfund." Er könnte viel Geld machen, würde er seine Erinnerungen im großen Stil vermarkten, aber: "Das ist nicht meine Art. Es ist vielleicht ein bisschen zu intim."

Lange Zeit hatte er genug vom Rock'n'Roll, Voormann wurde Hausmann. Erst als Anfang der 90er ein Verlag ihn bat, seine Erinnerungen an seine erste Begegnung mit den Beatles auf Leinwand zu bannen, begann er, sich mit der alten Zeit auseinander zu setzen. "Denn für die Bilder musste ja alles stimmen."

So entstanden aus dem Gedächtnis erstaunlich präzise Momentaufnahmen aus der Zeit um 1960, als die Beatles im Hamburger "Kaiserkeller" auf der Reeperbahn spielten und der junge Grafiker sich mit ihnen anfreundete: Auf einem Bild sieht man Paul McCartney im Knast - wegen Brandstiftung. Er hatte ein Kondom angezündet und an die Wand gehängt. "Erstaunlich, was im Hirn alles vergraben ist", lacht Voormann. Nun hatte er Blut geleckt. Mit "Warum spielst du 'Imagine' nicht auf dem weißen Klavier, John" schrieb er die gemalten Erinnerungen nieder - ein lesens- und liebenswertes Dokument der Freundschaft. Er gestaltete wieder Schallplatten, etwa die "Beatles Anthology"-Reihe oder McCartneys "Run Devil Run". 2007 erscheint eine Jubiläumsausgabe von "Revolver" - mit vielen Voormann-Grafiken.

Die Freundschaft zu den Beatles-Mitgliedern ist dabei nie abgerissen. "Jo, sind ja nur noch zwei da", sagt er hanseatisch lapidar, aber die wasserblauen Augen suchen einen Moment lang das Weite. "Paul habe ich 'ne Weile nicht gesehen, das letzte Mal beim Konzert für Georgie in der Londoner Royal Albert Hall." Beim Auftritt für den verstorbenen Harrison 2002 brauchten sie wieder so einen, dem man vertrauen konnte, einen Freund, einen Fachmann. Und so stand Voormann mit seinem Bass noch einmal mit Clapton und McCartney auf der Bühne. "Das Erstaunliche ist: Wenn Du die wiedertriffst, ist das so, als hättest Du sie erst gestern gesehen. Erst bist Du schockiert, weil sie noch mehr graue Haare gekriegt haben. Aber innerhalb von ein paar Minuten ist es genauso wie es damals war. Und du stehst auf der Bühne hinter Paul und du denkst: Mensch - wie im Kaiserkeller. Die gleichen O-Beinchen. Wahnsinn, was das für ein Trip war."

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