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Will sie überhaupt noch eine Frau sein? Juliane Köhler legt als Viola in Shakespeares „Was ihr wollt“ den Fokus auf das Frau-Mann-Spiel ihrer Figur. Amélie Niermeyers Inszenierung feiert morgen im Münchner Residenztheater Premiere.

Interview mit Juliane Köhler

„Wir legen Wert auf Zerrissenheit“

München - Mit der Osca-Nominierung hat es leider nicht geklappt. Aber macht nichts: Viel Zeit hätte Juliane Köhler eh nicht gehabt, zu feiern. Im Münchner Residenztheater probt sie gerade die Viola in Shakespeares „Was ihr wollt“. Ein Interview.

Mit der Oscar-Nominierung ist es nichts geworden: Georg Maas’ Film „Zwei Leben“, das Stasi-Drama mit Juliane Köhler, startet in Hollywood nicht in der Endrunde der Kategorie „Bester nicht-englischsprachiger Film“. Zehn Jahre haben Regisseur, Kamerafrau, Produzenten und sie selbst an der Verfilmung des Stoffs gearbeitet, erzählt die Schauspielerin in unserem Gespräch: Bis der Film im vergangenen September endlich in die Kinos kam. Doch viel Zeit, die Oscar-Nominierung zu feiern, hätte die 48-Jährige wohl nicht gehabt: Im Münchner Residenztheater probt sie gerade die Viola in Shakespeares „Was ihr wollt“. Amélie Niermeyer inszeniert, Premiere ist am Samstag.

Frage: Sie und Regisseurin Amélie Niermeyer sind ein eingespieltes Team.

Kann man sagen. (Lacht.) Wir hatten auch schon seit einiger Zeit vor, „Was ihr wollt“ zu machen. Das war seit unserer Arbeit an „Wie es euch gefällt“ in Freiburg und Düsseldorf unser Traum, dieses Stück einmal für unser Alter umzusetzen. Bei Shakespeare sind die Liebenden sehr jung. Amélie hat alle Schauspieler bewusst älter besetzt. Sie wollte diese Krise, in der die Figuren stecken, besonders Viola und Olivia, nicht wie üblich als eine Krise von jungen Leuten zeigen, die von der ersten Liebe durcheinander gebracht werden.

So wird das Stück meistens inszeniert...

Es sollte diesmal die Krise reiferer Menschen sein, die in der Mitte des Lebens stehen und wissen, dass sie sich nicht mehr in jeden verlieben können, und die nicht mehr daran glauben, dass man sich selbst oder den anderen verändern kann. Sondern die in einer Art Midlife-Krise stecken und merken, wie ernst das Leben ist und wie ernst die Liebe ist und wie endlich die Zeit ist. Das ist Amélies Konzept.

Ändert sich bei Ihnen auch der Schluss?

Im „herkömmlichen“ Stück ist Viola als Mann verkleidet und bekommt den Herzog am Ende aber doch noch, weil sie sich als Frau offenbart. Wir haben jetzt viel mehr Wert auf ihre Zerrissenheit gelegt. Wir wollten Fragen aufwerfen. Bin ich Mann oder Frau? Will ich überhaupt noch Frau sein? Was will ich eigentlich? Wo will ich eigentlich hin? Weiter da langgehen, wohin ich bisher gegangen bin? Oder ganz woanders lang? Daher hat das Ganze bei uns nicht so einen klaren Abschluss wie bei Shakespeare, sondern bleibt eher offen. In unserer Interpretation ist es so, dass Viola am Ende beide liebt, den Herzog und Olivia. Das ist es, was mir bei dieser Neuinterpretation so viel Spaß macht.

Sie sind seit Jahren wieder fest am Residenztheater angestellt. Wann haben Sie Zeit für die vielen Filme, die Sie nebenbei drehen?

Ich drehe ja gar nicht so viel. Ich sage sehr viel ab, weil ich auch darauf Wert lege, mit meiner Familie wirklich Zeit zu verbringen. Deswegen mache ich von zehn Projekten höchstens eines.

Sie verändern sich oft körperlich stark in Ihren Rollen, egal ob auf der Bühne oder im Film. Mal wirken Sie, als ob Sie orthopädische Probleme haben, mal bewegen Sie sich wie ein junges Mädchen. 

Mich interessiert es extrem, mich sehr zu verwandeln für jede Figur. Ich will von Rolle zu Rolle am liebsten nicht mehr erkennbar sein. Das finde ich spannend. Das habe ich mir als Schauspielschülerin überlegt. Da hatte ich gesehen: Es gibt die Persönlichkeitsschauspieler. Das sind die Charakterschauspieler, die großartig sind, die man aber in jeder Rolle erkennt. Und es gibt die, die man niemals erkennt, die sich immer verwandeln. Das eine ist ja gar nicht schlechter als das andere. Ich habe mich für die Verwandlung entschieden. Und es ist für mich wirklich ein privater Sport, dass ich das jedes Mal schaffe. Der Vorteil ist dabei, dass man mich im Privaten auf der Straße nicht erkennt. Oder zumindest nur selten. Auch als Zuschauer finde ich es immer interessant, solchen Schauspielern zuzusehen. Meryl Streep, die für mich ein großes Vorbild ist, der gelingt das in jeder Rolle.

Das Gespräch führte Ulrike Frick.

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