Interview mit Michelle Breed

„Wir sind keine Tastaturen“

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München - Opernsängerin Michelle Breedt spricht im Merkur-Interview über unwissende Dirigenten, Bürokratie an den Unis und zu mächtige Orchester.

Gerade hat sie bei den Bayreuther Festspielen einen Meisterkurs gegeben, dort, wo sie oft als Brangäne in Wagners „Tristan und Isolde“ umjubelt wurde. Seit einiger Zeit führt die gebürtige Südafrikanerin Michelle Breedt eine Doppelexistenz. Als weltweit gefragte Mezzosopranistin – und als Gesangspädagogin. Seit zwei Jahren hat sie eine Professur an der Münchner Musikhochschule und nicht zuletzt deshalb viel Kritisches über den Opernmarkt zu sagen.

Sie sind leidenschaftliche Golferin. Was hat dieser Sport eigentlich mit dem Singen zu tun?

Viel! Golfen bedeutet kontrolliertes Loslassen. Ein genauer Bewegungsablauf ohne zu viel Kraftaufwand ist erforderlich, vor allem die richtige Balance. Wenn man sich zu sehr versteift, fliegt der Ball nicht richtig. Und wenn man sich zu sehr verkrampft, kommt der Ton auch nicht wie gewünscht. Manche finden dieses kontrollierte Loslassen schnell, manche müssen es sich erkämpfen. Immer diese Balance zu finden, ist etwas, woran man ein ganzes Sängerleben lang arbeiten muss.

Kamen Sie auf direkten Weg zum Gesang?

Ich wollte eigentlich Wissenschaftlerin im Bereich Biologie oder Medizin werden. Singen hatte für mich als Pfarrerstochter etwas mit Gemeindeliedern in der Kirche zu tun. Musik war etwas, was man einfach machte, nichts Hochheiliges. Mein Vater musste oft zu weit entfernten Gemeinden reisen, da haben wir immer Musik im Auto gehört. Irgendwann wurde eine Gesangslehrerin auf mich aufmerksam und empfahl mir, meine Stimme auszubilden. Meine wissenschaftliche Neugier hat das alles nicht gebremst, ich bin noch immer ein sehr analytischer Typ. Mir wurde in der Ausbildung beigebracht, dass Singen nichts Mystisches ist und dass man das Wissen um Zusammenhänge braucht.

Ein sehr eigener Weg zur Karriere. Legt man an den Hochschulen zu wenig Wert aufs Individuelle?

Ja. Der eine braucht mehr Hilfe in Musiktheorie, der andere im Schauspielerischen, wieder ein anderer bei Fremdsprachen. Deshalb sollte ein Studium nach Maß ermöglicht werden. Mich irritiert das sehr, welche Wahlfächer das Studium unnötig belasten. Viele würden gern mehr Sprachen lernen. An den Hochschulen herrscht oft ein bürokratisches, praxisfernes Denken. Und man ist zu sehr auf Instrumentalisten ausgerichtet. Dabei sollte man bedenken: Ein Sänger, der an die Uni kommt, fängt quasi erst mit der Ausbildung seines Instruments an.

Ändert sich da gerade etwas, weil immer mehr aktive Sänger an Professorenstellen kommen?

Ich bin optimistisch. In München stelle ich fest, dass wir alle ähnlich ticken. Es ist wichtig für mich als Professorin, mit beiden Beinen im Beruf zu stehen. Außerdem: Zu oft studieren Menschen, die keine Chance auf dem Markt haben. Natürlich müssen auch Choristen oder Musiklehrer ausgebildet werden, nicht nur Solisten. Aber die Realität da draußen, der gnadenlose Konkurrenzkampf, all das spielt an der Uni oft keine Rolle. Wir haben in Afrikaans dafür einen Spruch: „Jeder glaubt, dass sein Gaul ein Rennpferd ist.“

Sind Sie eine strenge Lehrerin?

Ich bin streng und pingelig, aber ich lobe auch. Wir lachen viel in meiner Klasse. Manchmal ist es so, dass man den Schülern helfen muss, etwas in sich zu entdecken. Hier ist Strenge nötig, um den inneren Schweinehund zu überwinden. Wie bei einem Hund, der sich nicht traut, übers Stöckchen zu springen. Also muss man ihn locken.

Fühlen Sie sich oft wie eine zwiegespaltene Persönlichkeit? In einem Augenblick die Lehrerin, im nächsten die Sängerin?

Wenn ich in einer Opernproduktion singe, scheint mir ein Teil von mir zu fehlen und ich denke mir dauernd: „Muss ich dagegen nicht was tun?!“ Um mich dann zu beruhigen: „Nein, sing’ einfach.“ Ich singe bewusster, seitdem ich intensiver unterrichte. Und ich bin nervöser, wenn meine Studenten in meine Vorstellung kommen. Ich muss doch versuchen, ein Vorbild zu sein... Auch das müssen die Jungen lernen: dass man keine Maschine ist. Die haben nur Superstars im Kopf. Da entsteht eine unrealistische Vorstellung vom Sänger-Alltag.

Was noch auffällt: Viele Rollen werden heute zu leicht besetzt. Ist daran unter anderem die Alte-Musik-Bewegung schuld, weil sie den schlanken Klang zum Dogma macht?

Absolut richtig. Heiße Luft und Gesäusel, so könnte man das böse nennen, was dann passiert. Leider ist das auch in die Liedkunst hinübergeschwappt: heiße Luft und Konsonanten. Hören Sie doch mal die Alten an. Die haben Lieder stilbewusst, aber eben mit ihrer Stimme gesungen. Gut, ich will kein Brüllen. Aber Sänger, die ihr Instrument beherrschen, können alles wagen, ob laut oder leise. Im Wie liegt der ganze Unterschied. Was noch ein Problem ist: Es ist eine Dirigenten-Generation herangewachsen, die wenig oder überhaupt keine Ahnung von Stimmen hat, weil sie rein vom Symphonischen kommt und keine klassische Ausbildung als Kapellmeister durchlaufen hat. Sänger sind für sie wie eine Tastatur. Man drückt drauf, und es soll funktionieren.

Ganz zu schweigen von Intendanten, die es auf Models abgesehen haben...

...Intendanten oder Regisseure können einfach nicht begreifen, dass der liebe Gott nicht jeder Sängerin den Körper von Claudia Schiffer gegeben hat! In der Klassikwelt muss es doch andere Maßstäbe geben als diese vergänglichen, äußerlichen. Eine gewisse Wahrhaftigkeit, ein echter Verismo muss wieder zurückkehren auf die Bühne. Dem Publikum geht es letztlich doch um den Gesang und nicht um eine austauschbar klingende Spaghettinudel in der Landschaft.

Hängen die Probleme, die manche Dirigenten verursachen, auch damit zusammen, dass das immer gleiche Repertoire wiedergekäut wird? Jeder muss sich dadurch krampfhaft seine Interpretationsnische suchen.

Wir sind eine Mediengesellschaft geworden, in der nur der Superstar etwas gilt. Es gibt aber so viele ausgezeichnete Dirigenten da draußen, die viel von Stimmen und Handwerk verstehen, für die aber der Markt kein Etikett hat nach dem Motto „Er steht interpretatorisch für dies oder das.“ Alle jagen wie die Trüffelschweine dem Neuen hinterher. Und noch etwas: Ich lasse mich von Regie begeistern. Aber in der ganzen Vorbereitungszeit einer Opernproduktion wird dem Inszenieren zu viel Zeit eingeräumt im Gegensatz zum Musikalischen. Bei Wiederaufnahmen gibt es manchmal nur eine Bühnen-Orchesterprobe. Wie soll man damit nicht nur einen „Rosenkavalier“, sondern auch eine Mozart-Oper auf die Beine stellen? Es heißt dann: „Das Orchester kann das schon.“ Es kann vielleicht die Noten spielen, aber sonst...? Ich liebe die Orchester, verstehen Sie mich nicht falsch, aber sie haben eine zu starke Lobby. Oper kann man nicht mit Stechuhr-Mentalität machen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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