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Terry Gilliam: „Unsere Drehzeit war so knapp bemessen, dass ich erst beim Schneiden feststellte, was wir fabriziert hatten.“

Terry Gilliam im Interview

„Wir waren ein verdammt gutes Tanzpaar“

München - Terry Gilliam von „Monty Python“ über die Zusammenarbeit mit Christoph Waltz für ein Kinoprojekt fast ohne Budget

Terry Gilliam war der Trickfilmspezialist der Komikertruppe „Monty Python“, ehe er als Regisseur bildgewaltiger Filme wie „Brazil“ oder „12 Monkeys“ berühmt wurde. Beim Filmfestival von Marrakesch sprachen wir mit dem 74-jährigen Kino-Visionär über seine Science-Fiction-Groteske „The Zero Theorem“, die am Donnerstag anläuft.

Der Film wirkt fast nihilistisch. Sehen Sie schwarz für unsere Zukunft?

Ich werde immer pessimistischer, was meinen Optimismus betrifft. Schon heute existieren wir ja quasi nur noch durch das, was wir twittern oder auf Facebook posten. Wir sind wie Neuronen in einem riesigen Nervensystem, dem wir nicht entrinnen können. Ebenso wenig konnte ich diesem Film entrinnen.

Wie meinen Sie das?

Als die Finanzierung für mein Don-Quijote-Projekt erneut platzte, sagte ich: Jetzt muss ich unbedingt einen Film machen, sonst drehe ich durch. Ich erinnerte mich an das „Zero-Theorem“-Buch, das ich schon vor Jahren gelesen hatte, und erfuhr, dass die Rechte noch zu haben waren. Nachdem ich im Juli 2012 Christoph Waltz als Hauptdarsteller gewinnen konnte, bekam ich sofort grünes Licht – und schon drei Monate später filmten wir in Bukarest. Alles passierte spontan und instinktiv.

Wie haben Sie denn in so kurzer Zeit die restliche Besetzung gefunden?

Wir haben einfach jeden engagiert, der gerade verfügbar und bereit war, auf seine Gage zu verzichten. Wir hatten weder genügend Geld noch Zeit zum Nachdenken oder Vorbereiten. Mein Kostümbildner musste aus einem Mini-Budget 250 Kostüme zaubern. Er besorgte sich kiloweise Stoff auf einem chinesischen Markt am Stadtrand von Budapest und schneiderte den Rest aus billigen Plastik-Tischdecken und Duschvorhängen.

Arbeiten Sie immer so?

So extrem war es nie. Aber ich liebe Herausforderungen – sie kitzeln den Rest an Kreativität aus mir heraus,  der mir noch geblieben ist. Durch Sachzwänge komme ich oft auf Ideen, die zwar nicht unbedingt besser sind als das ursprüngliche Konzept, aber vielleicht interessanter. Und wenn sie nicht funktionieren, habe ich wenigstens eine gute Ausrede.

Christoph Waltz ist im Film kaum zu erkennen.

Stimmt. Seine Filmfigur sollte laut Drehbuch eine Glatze haben, und ich beschloss, ihm auch noch die Augenbrauen abzurasieren,  damit er noch nackter wirkt. Damit haben wir ihm ein wichtiges Werkzeug weggenommen, aber das macht nichts: Er kann einfach alles. Schon in den Tarantino-Filmen war er großartig,    aber   hier   ist sein Spiel noch wesentlich vielschichtiger  und emotionaler.  Ich  habe  mich  völlig von  Waltz  führen  lassen – und dann  im  Schneideraum noch einige Überraschungen erlebt.

Inwiefern?

Ich dachte immer wieder: Was macht er denn da? Das ist ja grandios! Unsere Drehzeit war so knapp bemessen, dass ich erst beim Schneiden feststellte, was wir fabriziert hatten. Da merkte ich auch plötzlich, dass das Ende des Films nicht passte: Es war ein typisches Hollywood-Happy-End. Ich fand, dass es viel besser wäre, mit einem Rätsel aufzuhören. Also habe ich am Schluss einfach drei Szenen weggeschnitten. Zack! Raus damit!

Gefällt es Christoph Waltz, was Sie daraus gemacht haben?

Ich denke schon. Jedenfalls spricht er noch mit mir. Das Tolle an unserer Zusammenarbeit war, dass wir oft ganz unterschiedliche Auffassungen hatten. Jeden Tag gab es neue Kabbeleien und Diskussionen, jeder von uns zerrte in eine andere Richtung. Ich glaube, wir zwei Sturköpfe waren ein verdammt gutes Tanzpaar!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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