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Theatermacher für die junge Generation: Schauburg-Intendant George Podt und Chefdramaturgin Dagmar Schmidt.

60 Jahre Münchner Schauburg

„Wir wollen Lust auf Anstrengung wecken“

München - 60 Jahre Münchner Schauburg: Intendant George Podt und Dramaturgin Dagmar Schmidt sprechen im Interview über Theater für die Jüngsten.

Die Schauburg feiert ihren 60. Geburtstag: Von Sonntag an präsentiert das Münchner Kinder- und Jugendtheater knapp eine Woche lang im Rahmen eines Festivals Eigenproduktionen und Inszenierungen von Gästen aus ganz Deutschland. Zum Jubiläum sprachen wir mit Intendant George Podt und Chefdramaturgin Dagmar Schmidt über die besonderen Herausforderungen eines Kindertheaters.

Würden Sie Ihre Arbeit als „pädagogisch wertvoll“ bezeichnen?

Schmidt: Nein, was für ein schrecklicher Ausdruck! Podt: Uns geht es nicht darum, pädagogische Botschaften zu vermitteln. Wir wollen Theater machen.

Das heißt?

Podt: Wir bemühen uns, unsere Produktionen so vielschichtig zu gestalten, dass jeder Besucher – vom Vier- über den 20- bis hin zum 80-Jährigen – bei uns echtes Theater erlebt. Das ist unsere Herausforderung. Wir sind nicht daran interessiert, eindeutige Antworten zu liefern. Im Gegenteil: Wir wollen, dass die Menschen sich Fragen stellen.

Trotzdem unterscheiden sich doch Kinderstücke von Erwachsenenstücken?

Podt: Natürlich muss die Thematik eines Stückes für Kinder interessant sein... Schmidt: Außerdem dürfen die Stücke nicht zu lang sein. Bei einem Stück, das zwei Stunden dauert, fällt es vielen Kindern schwer, bis zum Schluss konzentriert dabei zu bleiben. Davon einmal abgesehen, unterscheiden sich unsere Produktionen nicht von denen eines Erwachsenentheaters. Die großen Themen – Liebe, Einsamkeit, Krieg oder Anerkennung – berühren alle gleichermaßen, Kinder wie Erwachsene. Ob diese Themen in Janoschs „Tiger und Bär“ verhandelt werden oder in einem Stück von Schiller, macht letztlich keinen Unterschied.

Nur dass Schiller schwerer verständlich ist.

Podt: Mag sein. Aber wenn wir uns dafür entscheiden, ein Stück von Schiller zu spielen, dann spielen wir Schiller und keine „Reader’s Digest“-Version. Wir würden ein Drama nie vereinfachen oder etwas hinzudichten, nur damit es leichter verständlich ist.

Schmidt: Allerdings gibt es für alle Klassen eine 15-minütige Vorbereitung, die den Schülern die jeweilige Vorstellung näherbringen soll und zum Theaterbesuch dazugehört.

Was tun Sie außerdem, damit die Kinder und Jugendlichen an einer Inszenierung dranbleiben?

Podt: Wir versuchen jedenfalls nicht, sie permanent zu belustigen.

Schmidt: In „Ich bin hier bloß der Hund“ (Kritik siehe Kasten) gibt es eine Stelle, an der jemand die Zunge rausstreckt. Unsere Schauspieler wissen ganz genau, was sie tun müssten, damit bald alle Kinder im Saal ihre Zunge rausstrecken. Aber solche Einlagen zerstören die Geschichte.

Podt: Außerdem muss nicht immer alles leicht konsumierbar sein. Wir wollen bei den Kindern Lust auf Anstrengung wecken.

Was anstrengend ist, macht aber nicht unbedingt Spaß.

Schmidt: Das sagen mir die Schüler in den Vorbereitungsgesprächen auch oft. Dann erinnere ich sie an berühmte Sportler: Wie ist Schweinsteiger zu Schweinsteiger geworden...?

Podt: ...durch jahrelange Anstrengung und Lust und Interesse.

Schmidt: Nur so erreicht man etwas. Das gilt nicht nur für Sportler, sondern eben auch fürs Denken und Fühlen.

Und was bringt Kindern Theater für ihre Gefühlswelt?

Schmidt: Im Theater scheint die Zeit langsamer zu vergehen, sie wird gedehnt. Das ist für viele Kinder eine besondere Erfahrung: Zeit für sich selbst oder Müßiggang kennen die meisten doch gar nicht mehr. Kinder müssen ja heute andauernd konsumieren oder mit irgendetwas beschäftigt sein. Dabei ist es so wichtig, Zeit zum Nachdenken zu haben. Da kommen dann plötzlich Fragen auf: Wie will ich leben? Was ist mir wichtig?

Also Theater als Lebenshilfe?

Podt: Wir wollen den Kindern dabei helfen, mit den Widersprüchen des Lebens besser zurechtzukommen.

Schmidt: Kinder behalten ihre Probleme oft für sich. Dass die Mutter Alkoholikerin ist oder der Vater arbeitslos, darüber sprechen sie nicht gerne. Wenn sie dann ein Theaterstück sehen, in dem genau diese Probleme verhandelt werden, dann wissen sie zumindest, dass sie mit dem Thema nicht allein sind. Natürlich liefert ein Theaterstück kein Patentrezept, mit dem sich die persönlichen Probleme eines Kindes in Luft auflösen. Aber es kann Trost spenden – und das ist sehr wertvoll.

Das Gespräch führte Katharina Mutz.

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