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Der Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters, Mariss Jansons, fühlt sich bei der Konzertsaal-Entscheidung von der Politik an der Nase herumgeführt.

Mariss Jansons äußert sich 

Konzertsaal-Debatte: "Wir wurden zum Narren gehalten"

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München - Nach dem Gasteig-Beschluss äußert sich erstmals Mariss Jansons – Kabinett winkt Spaenle-Vorlage durch.

Wütende sehen anders aus. Mit roten Flecken im Gesicht, kaum ihrer Worte mächtig, mühsam beherrscht. Das Gegenteil bei Mariss Jansons. Dabei hätte der Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters allen Grund dazu, jetzt, nach dem Beschluss von Freistaat und Stadt, erst einmal keinen neuen Konzertsaal zu bauen. Böse sei er nicht, versicherte der Star gestern auf einer Pressekonferenz, weil er Schlimmes längst geahnt habe. Minutiös ließ Jansons die vergangenen zehn Jahre passieren, die Saal-Versprechen von drei Ministerpräsidenten und ihrer teilweise widerspenstigen Kunstminister, das ständige Hin und Her.

Und nun das, eine Sanierung von Gasteig und zu kleinem Herkulessaal – für Jansons ist das eine Nichtlösung. „Ich fühle, dass wir zum Narren gehalten wurden“, sagte er. Mit ihm werde hier ein Spiel gespielt. Und „absolut schockiert“ habe es ihn, dass bei den entscheidenden Gesprächen weder die BR-Symphoniker noch die freien Veranstalter beteiligt gewesen seien. Kaum verklausuliert übte Jansons dabei Kritik an den Münchner Philharmonikern. „Von den Kollegen hätte ich erwartet, dass sie sagen: Das alles ist doch peinlich.“ Es gehe in dieser Saal-Debatte überhaupt nicht um eine Konkurrenz zwischen zwei Orchestern, sondern einzig um den Musikstandort München. „Das passt nicht zu Musikern. Wir sind keine Sportler, wir müssen nicht siegen.“

Sowohl Mariss Jansons als auch Bariton Christian Gerhaher, BR-Intendant Ulrich Wilhelm und Andreas Schessl, Chef des Privatveranstalters Münchenmusik, untermauerten mit vielen Argumenten: Eine gemeinsame Nutzung von Philharmonie und Herkulessaal mit wechselnden Belegungsrechten könne nicht funktionieren. Wilhelm wies überdies die Kritik zurück, er habe sich zu wenig und zu spät für einen neuen Saal eingesetzt. „Dieser Vorwurf trägt nicht“ – eine deutliche Adresse an Ministerpräsident Horst Seehofer, der sich derzeit vom Intendanten im Stich gelassen fühlt.

Das Zahlenmaterial zur Debatte lieferte der Musikmanager Karsten Witt. Er rechnete vor, dass in der Philharmonie in der laufenden Saison an 185 Tagen 200 Veranstaltungen stattfinden, im Herkulessaal an 168 Tagen insgesamt 151. Für eine von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) geplante gemeinsame Nutzung durch Philharmoniker und BR-Orchester sei da kaum Platz, geschweige denn für die privaten Veranstalter. Für die wäre nach seinen Berechnungen, so formulierte es Karsten Witt süffisant, „nur noch der Dienstagabend und der Sonntagvormittag möglich“. Darüber hinaus dürfe man den Herkulessaal aufgrund seiner geringen Größe nicht als vollwertigen Konzertort betrachten, dies sei „vollkommen unsinnig und abwegig“.

Kritik an Münchner Philharmonikern

Genau dieses Problem sprach Christian Gerhaher an. Er empfahl, den Herkulessaal zu einem Kammermusiksaal mit ansteigendem Parkett umzubauen, das sei das Beste für diesen Raum. Auch der Bariton äußerte unverhohlene Kritik an den Münchner Philharmonikern. Diese sollten sich nicht als „weisungsbefugte Untergebene“ sehen und ihren „Maulkorb“ endlich ablegen. „Alle Musiker müssen zusammenstehen und sagen: Es geht so nicht.“

Nur wenige Stunden zuvor hatte sich die Bayerische Staatsregierung mit der Konzertsaal-Frage befasst. Die Minister winkten dabei die Vorlage von Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU) durch. Wie bereits gestern vorab berichtet, solle nun geprüft werden, ob die „Zwillingslösung“ mit renoviertem Gasteig und Herkulessaal möglich sei. Ein „realisierbarer Standort für einen weiteren Konzertsaal“ stehe „derzeit nicht zur Verfügung“. Dennoch wurde offen gelassen – darauf wies auch Staatskanzleichef Marcel Huber nach der Sitzung hin –, ob man nicht doch am Ende einen Neubau bekomme.

Im Kabinett zeigte sich Ministerpräsident Seehofer laut Teilnehmern sehr verärgert, dass Details der Sitzung vorab schon in der Zeitung standen. Er strich die namentliche Erwähnung des Finanzgartens wieder aus dem Beschluss, weil er massive denkmalrechtliche Probleme sieht; beim Hintertürchen eines Neubaus aber bleibt es. „Wenn es eine Bewegung in der Bevölkerung gibt, wird man sicher neu prüfen“, zitiert ein Minister den Regierungschef. Es könne aber nur eines geben: Gasteig-Sanierung oder Neubau.

AfD im Stadtrat will Bürgerentscheid

Mitterweile melden sich auch immer mehr Vertreter der Stadtpolitik zu Wort. Am weitesten hat sich gestern die AfD vorgewagt. Sie beantragt, einen Bürgerentscheid durchzuführen, gerade weil es sich um eine „weitreichende und sehr strittige Entscheidung“ handele.

Dabei müsse die Frage gestellt werden: „Soll die Landeshauptstadt München zusammen mit dem Freistaat Bayern die Philharmonie am Gasteig sanieren?“ Die grün-rosa Rathausfraktion fordert demgegenüber „schnellstmöglich“ eine Expertenanhörung. Neben der Bayerischen Architektenkammer, der Bayerischen Ingenieurskammer und den Lehrstühlen für Architektur und Baukonstruktion der TU München sollen auch Spezialisten aus den Bereichen Brandschutz und Akustik zu Wort kommen. Für die Landtags-Grünen monierte Sepp Dürr die fehlende Beteiligung der Volksvertreter.

Gerade das Hintertürchen, das sich die Staatsregierung offengehalten hat, stimmt viele Saal-Befürworter vorsichtig optimistisch – allen voran Mariss Jansons. Er werde weiter kämpfen und Gespräche führen, kündigte der Chefdirigent gestern an. „Das Leben wird zeigen, wer Recht hat und wer nicht.“ Spätestens dann, wenn es beim Umbau des Gasteigs Probleme gebe, würden die Leute anfangen zu begreifen. „Jeder Mensch macht Fehler, der Mut zur Meinungsänderung zeugt auch von Größe.“

Warum die „Zwillingslösung“ wenig realistisch ist

Abo-Konzerte im Herkulessaal: 

Bei den Philharmonikern sitzen in einem Konzert zwischen 900 und 2000 Abonnenten. Der Herkulessaal hat aber nur 1200 Plätze. Bei „philharmonischen Wochen“ dort müssten also pro Woche zwei bis drei Abende mehr veranstaltet werden – eine erhebliche Kostensteigerung. Ähnliches im Falle des BR-Symphonieorchesters.

Blockade des Herkulessaals: 

Bedingt durch die höhere Konzertzahl von BR und Philharmonikern wäre der Raum für Privatveranstalter fast völlig blockiert – gerade die bräuchten aber den kleineren Saal dringend.

Gemeinsame Planung: 

Der BR plant seine Spielzeiten früher als die Philharmoniker, auch weil dort mehr Weltstars gastieren. Die sind aber früher ausgebucht. Zudem ist durch die geforderte enge Abstimmung die künstlerische Autonomie beider Ensembles gefährdet.

Für jeden Saal das passende Repertoire: 

Im Herkulessaal sollen beide Orchester während ihrer zwei Spielwochen kleiner Besetztes spielen, im Gasteig Großes. Hat etwa Bernard Haitink für den BR nur während der Herkulessaal-Phase Zeit, dürfte er „nur“ Mozart oder Haydn dirigieren – ein einmaliger Fall von Repertoire-Einschränkung.

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