Da wird das Ohr zum Auge

- Wer ihnen zuhört, wird nicht enttäuscht. Nicht wenn sie spielen - mit vier Händen an zwei Klavieren - und auch nicht, wenn sie gemeinsam erzählen. Beste Unterhaltung ist in jedem Fall garantiert. Obwohl sich Güher und Süher Pekinel irritierend ähnlich sehen, blitzt doch immer wieder ein kleiner Unterschied auf. "Nur in Gegensätzen entsteht die Harmonie" - Gühers Leitsatz für die gemeinsame Arbeit.

<P class=MsoNormal>Seit Jahren gehören die türkischen Zwillingsschwestern zu den renommiertesten Klavier-Duos. Herbert von Karajan präsentierte die beiden 1984 einem staunenden Publikum in Salzburg. Seither eroberten sie die Welt. Nach mehreren Sabbatjahren meldeten sich die Pekinels in diesem Frühjahr zurück: Mit einer CD-Einspielung von Bachs Konzerten für zwei und drei Klaviere.</P><P class=MsoNormal>"Natürlich sind wir ein Leben lang auf der Suche. Was wir bei Bach gefunden haben, manifestiert sich in unserer neuen CD: Transparenz, Transzendenz und Kontinuität." Süher erzählt weiter von der Sehnsucht nach Ruhe und davon, dass sie beide umso produktiver werden, je weniger Konzerte sie geben. "Man verschleudert seine Energie nicht für Reisen und Organisation, sondern kann sich auf die Musik konzentrieren."</P><P class=MsoNormal>Bachs Werk begleitet die Zwillinge von Kindesbeinen an. Jetzt, in der Reife, haben sie wieder zu ihm gefunden: "Zu seiner Unerschöpflichkeit und Unendlichkeit. Man erlebt im Moment des Musizierens das Gewesene, das Heute und die Zukunft", schwärmt Süher, die Philosophin. Während Güher, die Psychologin, erläutert, dass diese Nähe zu Bach gewachsen sein müsse, sich nicht aus dem Stand aufbauen lasse.</P><P class=MsoNormal>"Man muss die Tradition in Deutschland einatmen, erfahren und erfühlen - nicht nur wissen", meint Güher und erklärt, warum die beiden Schwestern schon früh nach Deutschland drängten. Zunächst einmal waren die Töchter eines Istanbuler Unternehmers und einer ausgebildeten Konzertpianistin in ihrer türkischen Heimat von einem Cortot-Schüler unterrichtet worden - solistisch. Als Neunjährige debütierten sie in Ankara mit Mozarts Konzert für zwei Klaviere.</P><P class=MsoNormal>Doch ab dem elften Lebensjahr musizierten sie nicht mehr miteinander. "Wir wollten uns selbst finden." Dennoch entschieden sie sich immer für die gleichen Lehrer. Zunächst für Yvonne Loriod, die Frau des Komponisten Olivier Messiaen, in Paris. Später fanden die Zwillingsschwestern in Deutschland, im antiautoritären, kreativen Klima der Odenwaldschule ein Zuhause. Fürs Üben bis in die Nacht hinein spendierte eine große Bank zwei Flügel, nachdem kein Geringerer als Theodor W. Adorno den beiden eine gute Zukunft prophezeit hatte.</P><P class=MsoNormal>Bei ihm und bei Mitscherlich begannen die Schwestern Philosophie und Psychologie zu studieren ("Das deutsche Denken hat uns sehr geprägt"), bis die Musik sie ganz vereinnahmte und Rudolf Serkin sie nach Amerika lockte. Zum renommierten Curtis-Institute in Philadelphia - "ein Paradies", wie beide im Rückblick wissen. Früh suchten die beiden Pianistinnen nach Individualität, schärften den Gegensatz, behaupteten unterschiedliche Meinungen und kämpften um der Sache willen.</P><P class=MsoNormal>"Wir haben die Mitte gefunden", strahlt Güher: "Die Musik selbst, in all ihrer Farbigkeit." Wenn sie live auftreten, dann spielen sie an zwei Instrumenten, die Rücken einander zugewandt. Süher freut sich: "Da wird das Ohr zum Auge. Das Emotionale bekommt einen größeren Raum, wir können den Moment flexibler gestalten und haben endlich das totale Risiko erreicht. Natürlich bei äußerster Kontrolle, in der die größte Freiheit steckt."</P><P class=MsoNormal>Die deutsche Tradition einatmen</P><P class=MsoNormal>Dass sie Bachs für Cembalo gesetzte Konzerte am Klavier interpretieren, mag Originalklang-Fanatiker vergrätzen. Güher und Süher Pekinel halten dagegen: "Bach war so vielseitig, so experimentierfreudig und an Farben interessiert. Das Cembalo war das Instrument seiner Zeit, aber wir leben im 21. Jahrhundert und haben viel mehr Möglichkeiten. Natürlich haben wir Cembalo-Aufnahmen studiert. Doch das Klavier ist unser Instrument. Wir spielen sehr bewusst in langem Atem, fließend, weich, mit transparenter Leichtigkeit, in schnellen, aber nicht gehetzten Tempi und mit möglichst wenig Pedal, um die Klarheit der Struktur immer dynamisch kontrastreich und lebendig zu halten."</P><P class=MsoNormal>Keine leeren Versprechen, wie man leicht nachprüfen kann. Auf der jüngsten CD, der bereits eine mit Jacques Loussier ("Jazz meets Bach") vorausgegangen ist und der noch etliche - eine Brahms/Saint-Saë¨ns-Produktion im Herbst sowie Neuauflagen ihrer Teldec-Aufnahmen - folgen sollen.</P>Johann Sebastian Bach: Klavierkonzerte BWV 1060 - 1063, Güher und Süher Pekinel, Zürcher Kammerorchester, Howard Griffith (Warner).

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