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Fotografiert – nein gemalt: Der US-Amerikaner Yigal Ozeri spielt mit Realitäten und Mädchenreizen.

Galeriespaziergang: Man wird doch noch träumen dürfen

München - Brille auf, heißt es jetzt für Kunstfreunde. Und zwar die 3D-Brille! Eine solche braucht man nämlich um Thomas Ruffs „ma.r.s.“-Bilder ganz zu genießen.

 Mit bloßem Auge betrachtet, wirken diese Nasa-Aufnahmen der Marsoberfläche, die der Künstler aufwendig bearbeitet hat, wie gegenstandslose Farbkompositionen. Mit Brille aber sieht man ein richtiges Relief aus Hügeln, Türmen, Schluchten, so als stünde man vor einer Bildhauerarbeit. Und auch wenn man diese Kippfiguren nicht gleich als Ausdruck unseres ins Wanken gekommenen Weltbildes interpretieren muss – die mehrdimensionale Pendelbewegung zwischen Fläche und Volumen, Gegenständlichkeit und Abstraktion kann einen schon etwas schwindlig machen. Gerade weil sie uns augenzwinkernd und mit konzeptueller Absicht im Unklaren darüber lässt, wo bei diesen 70 000 Euro teuren Groß-Fotos die Grenze zwischen Schwindel und schöpferischer Tiefe verläuft. Auf jeden Fall hat die Galerie Rüdiger Schöttle (Amalienstr. 41, Rgb.) mal wieder die Nase vorn.

Mit der Ausstellung von Thomas Ruff (bis 3. November), dem gefeierten Star der internationalen Fotokunst-Szene, erweist sie sich als eine der Münchner Top-Adressen für Gegenwartskunst. Denn mit seinen interplanetarischen Vexierbildern gibt Ruff auch gleichsam die Richtung vor: Zwischen analytischem Gestus und witzigen Augentäuschungs-Spielen changieren viele Werke, die zum Saisonstart mit der „Open Art“ von den Münchner Galerien vorgestellt werden. Ein Spaziergang durch deren neue Ausstellungen beweist somit: Nicht nur in den großen öffentlichen Institutionen ist man am post-postmodernen Puls der Zeit.

Weniger wie der Mars, sondern wie ein noch exotischerer Planet mit kristalliner oder gefiederter Oberfläche sieht etwa der Indio-Kopfschmuck aus, den Andreas Horlitz von oben fotografierte. Die Verschränkung von Klarheit und Geheimnis ist typisch für diesen Künstler, der in der Galerie Florian Trampler präsentiert wird (Maximilianstr. 22, 2. Stock). Verglichen mit Ruffs kosmischen High-Tech-Ausflügen wirken Horlitz’ Werke (9000 bis 65 000 Euro) trotzdem geradezu klassisch-anthropozentrisch. Die grafische Darstellung menschlicher Bio-Rhythmen oder DNA-Strukturen hat der Künstler auf großformatige Spiegel übertragen: Durch kantige Farb-Kurven oder silbrig geätzte Rechteckmuster hindurch blickt der Betrachter da auf sich selbst – im buchstäblichen wie bildhaften Sinn. Denn hinter der wissenschaftlich-kalten, ja ornamentalen Oberfläche dieses Spiegelkabinetts wird der Sog alchimistischer Ganzheits-Visionen spürbar; ein wohltuend keimfreier, aber gerade deshalb leicht abgründiger Romantizismus, der schon im wunderbaren Ausstellungstitel „Biometrien und Palimpseste“ mitschwingt. (Bis 25. Oktober.)

Ganz in Weiß, aber ohne Blumenstrauß präsentieren sich dann Tina Bara und Alba D’Urbano in einer vielteiligen, für 15 000 Euro zu erwerbenden Foto-Installation in der Galerie Christa Burger (Theresienstr. 19, Eingang Fürstenstr.). Als Bräute verkleidet, posieren die Künstlerinnen da wahlweise vor Schutthaufen, Plattenbauten oder Fabrikanlagen. Diese vergammelten Szenerien sollen den gängigen Hochzeitskitsch konterkarieren und als pseudoromantisches Klischee enthüllen. Aber die vermeintlich kritische Attacke auf eingefahrene Bild- und Gefühlsmuster entpuppt sich unter der Hand als Frischzellenkur: Der Kontrast zwischen kessen Bräuten und Abwrack-Ambiente enfaltet eine Poesie von herber Jungfräulichkeit. (Bis 31. Oktober).

Ein hinterlistiges Verwirrspiel mit unseren Sehgewohnheiten treiben auch die Arbeiten von Yigal Ozeri in der Galerie Andreas Binder (Knöbelstr. 27). Auf den ersten Blick scheint der amerikanische Künstler mit seinen fotorealistischen Bildern im Schatten junger Mädchenblüte zu wandeln, wenn er da schöne Frauen (etwa die Tochter von Mick Jagger) in idyllischen Landschaften zeigt. Aber die märchenhaft-zarten Edel-Pinups (6500 bis 21 500 Dollar), die sich erst bei genauem Hinsehen als gemalt entpuppen, wirken verblüffenderweise viel schärfer, ja fotografischer als die Video-Filmstills, nach deren Vorlage sie entstehen: Die durch Malerei erzeugte „Illusion“ ist präziser, realistischer als das vermeintlich naturalistische technisch gefertigte Abbild. „Man wird doch noch träumen dürfen“, lautet also sinngemäß die symbolische Botschaft dieser herrlich schnulzigen Schönheitengalerie. (Bis 20. Oktober.)

Was wohl die Marsmenschen dazu sagen würden?

Aexander Altmann

Info: Der Eintritt ist stets frei.

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