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Hintersinnige Verdrehung der Nazi-Ideologie: Dominikus Schmeinta (Joachim Aßfalg) möchte Jude werden.

"Die Judenbank" im Kleinen Theater Haar

Man wird ja noch fragen dürfen

München - Ein Stück gegen das Vergessen: Einfühlsam hat Michael Stacheder "Die Judenbank" von Reinhold Massag im Kleinen Theater Haar inszeniert.

„Die Judenbank“, ein auf ganz leise Art hartes Stück gegen das Vergessen. Es ist sicher so eindringlich geworden, weil der aus dem Allgäu stammende Autor und Schauspieler Reinhold Massag – er nahm sich mit 56, vier Jahre nach der Uraufführung 1995, das Leben – diesen Monolog wohl für sich selbst geschrieben hat. Man spürt das innere Band zwischen tiefem Verstehen Nazi-ideologischer Perversion in enger Dorfgemeinschaft und seiner Sprach- und Formfindung. Michael Stacheder hat das „Volksstück“ jetzt sehr einfühlsam im Kleinen Theater Haar herausgebracht, mit Joachim Aßfalg als Dominikus Schmeinta.

„Minikus“, an Muskelschwund leidend, darf als Reichsbahn-Fahrdienstbeobachter die vorbeifahrenden Waggons prüfen, sitzend auf „seiner“ Bank. Die ist per Schild plötzlich reserviert: „Nur für Juden“. Wieso, fragt er, „wo’s in Ottersdorf doch keinen einzigen Juden mehr gibt“. Brieflich bittet er Hitler, ein Jude werden zu dürfen. Das ist einmalig, wie über diese hintersinnige Verdrehung – reserviert wurde in der NS-Zeit „Nur für Arier“ – und über Schmeintas naiven Gerechtigkeitssinn das Regime in seinen Abstrusitäten und Schrecken erfahrbar wird. Unmittelbar unter der Haut erfahrbar: so wie Aßfalg sich in in seiner gläsernen „Erinnerungs“-Zelle körperlich aussetzt, nackt und in Anstaltskleidung.

Während er wie ein fleißiger Leichtbehinderter humpelnd die auf Rollen gesetzten Glaswände immer wieder zu neuen Räumen umbaut, gräbt er die Dorfvergangenheit aus: das Nazi-übliche Aufmanndln des Bürgermeisters, die politische Zerstrittenheit in Familien, das Denunzieren eines Nachbarn zum Zwecke von ungehindertem Ehebruch – die ganzen Schmutzereien und Gräuel. Immer nur als naiv-analytisch Fragender im Gespräch mit dem Dörflern, die ihn als Schrumpfköpfe auf fahrbaren Gestellen umgeben.

Ein Kraft-Konzentrations-Gefühls-Marathon, der durch Aßfalgs wendigen Rollenwechsel und seine intensive Körperlichkeit keine Sekunde durchhängt. Michael Stacheder, seit 2009 mit seinem Jungen Schauspiel-Ensemble im Kleinen Theater Haar (auf dem Isar-Amper-Klinik-Gelände) residierend, schließt sich hier der Gemeinde Haar an, die mit der Rathaus-Ausstellung „Im Gedenken der Kinder“ (bis 3. Juli, Eintritt frei) auch an die 332 Euthanasie-Opfer der Eglfing-Haar-Pflegeanstalt erinnert. Vorträge, Führungen (Klinikgelände, Psychiatrie) und Stacheders Lesung „Plus oder Minus“ mit Euthanasie-Lebensgeschichten ergänzen diese Gedenk-Initiative.

Von Malve Gradinger

Informationen: „Die Judenbank“ am 15., 16., 17., 24., 30. und 31. 5.; „Plus oder Minus“ am 24. und 31.Mai;

Karten unter Telefon 089/ 54 81 81 81.

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