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Sieht ganz genau hin: Typen-Kabarettist Helmut Schleich. Er gilt als Prominenten-Chamäleon.

Neues Bühnenprogramm "Ehrlich!"

Helmut Schleich: "Es wird noch politischer"

München - Franz Josef Strauß, Kim Yong-un und Alice Schwarzer – Kabarettist Helmut Schleich kann sie alle perfekt imitieren. Wir sprachen mit ihm über sein neues Bühnenprogramm.

Seit 30 Jahren steht der 46-jährige Münchner Helmut Schleich auf der Bühne und ist einer der ganz Großen im bayerischen Kabarett. Mit uns sprach er über sein neues Bühnenprogramm „Ehrlich!“, das am Dienstag im Münchner Lustspielhaus Premiere feiert, über Uli Hoeneß und über die Parallelen zwischen dem Nockherberg und der DDR.

Dieter Reiter oder Josef Schmid – wer liefert die bessere Vorlage für Kabarettisten?

Das ist schwierig. Ich glaube, dass ich physiognomisch eher an Josef Schmid dran bin als an Dieter Reiter. Die Art und Weise, wie sich die Koalitionsverhandlungen gestaltet haben, sind verschärft kabarettabel. Aber da sind beide beteiligt. Grundsätzlich gilt: Was wäre das bayerische Kabarett ohne die CSU?

Müssen sich die beiden ihre Kabarettwürde erst erarbeiten?

Ich glaube, da sind die beiden auf einem guten Weg.

Seit Ihrem letzten Programm ist viel passiert. Die NSA könnte wissen, dass Sie gerade Cappuccino trinken, in Rom gibt es zwei Päpste, Gustl Mollath ist raus, Hoeneß muss rein...

Gut, das Letzte weiß man nicht, noch sucht er ja nach einem angenehmen Knast. Vielleicht geht er auch in ein Hotel.

Sind das alles Steilvorlagen für einen Kabarettisten? Oder ist die Welt manchmal zu verrückt, um noch parodiert zu werden?

Keine Tanzübung, sondern ein angeregtes Gespräch: Helmut Schleich und Merkur-Mitarbeiter Patrick Wehner.

Natürlich sind das zunächst mal Steilvorlagen. Aber ich schaue immer, was mich persönlich wirklich aufregt. Was macht mich zornig? Oder worüber kann ich lachen? Da sind Themen wie Hoeneß oder NSA völlig unterschiedlich. Hoeneß ist immer emotional. Und dadurch ein geeignetes Ziel. Von Hoeneß kommt man immer auf das bayerische Selbstverständnis. So ein Thema wie die NSA hingegen ist ein Kopfthema. Mein neues Programm trägt nicht umsonst den Titel „Ehrlich“. Wie demokratisch ist Europa, wie demokratisch ist zum Beispiel das Freihandelsabkommen?

Um was wird’s denn genau gehen? Es gibt ja leider noch keine CD.

Sie sind lustig. Es gibt ja noch nicht mal ein Programm. Es gibt ein Textbuch, seit letzter Woche auch ein vollständiges.

Ist das eher ungewöhnlich, dass Sie ein paar Tage vor der Premiere das Programm noch nicht fertig haben, oder arbeiten Sie auf diese Art?

Das ist absolut die Art, wie ich und fast alle meiner Kollegen arbeiten. Wenn man ganz ehrlich ist, dann ist auch die Premiere nur die Bekanntmachung eines Probenstands. Ein Kabarettprogramm ist immer mit heißer Nadel gestrickt, das gehört dazu. Der Text und die Brisanz stehen im Mittelpunkt.

Brauchen Sie das auch, um auf der Bühne Spannung zu haben und nicht träge zu wirken?

Natürlich. Tendenziell muss man beim Solokabarett aufpassen, nicht monomanisch zu werden. Schließlich erzählt man jeden Abend das Gleiche. Drum muss man sich Stellen im Programm suchen, die man laufend erneuert. Sonst wird’s mir ja selber irgendwann stinklangweilig.

Geben Sie uns doch mal einen Vorgeschmack.

Ich bleibe mir formal und von den Figuren her treu. Franz Josef Strauß wird’s wieder geben, der Gesangslehrer Heinrich von Horchen wird auch dabei sein. Alle Figuren werden sich aus ihrem Blickwinkel ehrlich über Dinge äußern. Es wird auf jeden Fall nochmal politischer als das letzte Programm. Das ist mir ein Anliegen.

Ist es Segen oder Fluch, in Bayern aufgewachsen zu sein und Kabarettist zu werden?

Weder noch. Es ist ein Faktum. Aber Bayern ist schon ein Mikrokosmos, an dem man sich sehr reiben kann. In seiner eigentümlichen Mischung aus Mittelmaß und Größenwahn. Für einen Kabarettisten ist das vielleicht kein Segen, aber in jedem Fall in Ordnung.

Sie spielen in ganz Deutschland, von Schongau bis Berlin. Gibt es eine Sprachgrenze, ab der Ihr Humor nicht mehr ganz so gut funktioniert?

Ja, die preußischen Stammlande haben einen anderen Humor als in Süddeutschland. Ich bin gerne im Norden, aber da schaut man sich das Ganze eher von der exotischen Perspektive her an: Aha, so kann man Kabarett auch machen. Über Figuren, über Spielszenen. Das Publikum im Norden hat teilweise Angst, dass sie’s nicht verstehen könnten. Ich rede dann ein bisserl weniger Bairisch und noch deutlicher.

Sie sind 2010 zuletzt als FJS am Nockherberg aufgetreten. Damals zog Michael Lerchenberg Parallelen zwischen Guido Westerwelles Äußerung über Hartz-IV-Empfänger und dem „Dritten Reich“. Lerchenberg wurde rausgeschmissen, Sie zeigten sich mit ihm solidarisch. Sie sagten damals, es wird den Nockherberg noch geben, selbst wenn es den Westerwelle nicht mehr gibt.

Da ist was dran offensichtlich. Schön, wenn ich auch mal Recht behalte.

Ist es denkbar, dass Sie als Franz Josef Strauß beim nächsten Nockherberg wieder auftreten?

Das werde ich oft gefragt. Ehrlich, ich weiß es nicht. Ist ja auch nicht in erster Linie meine Entscheidung. Das Singspiel letztes Mal war großartig. Musikalisch, textlich, schauspielerisch. Fast schon so, dass man sich fragt: Wissen das im Saal wirklich alle zu schätzen? Da sitzen auch viele drin, die vor allem ihre eigene Anwesenheit für bedeutsam halten.

Schmeichelt es Ihnen, oft gefragt zu werden, oder nervt Sie das?

Nana (Bairisch.), das schmeichelt mir schon, so ehrlich muss man sein! Momentan aber gibt es, glaube ich, keinen Job zu vergeben da oben, also – was soll’s?

Würden Sie’s machen?

Das klären wir dann, wenn’s soweit sein sollte. Ich find’s erstaunlich, was der Nockherberg für eine unglaubliche Wichtigkeit hat. Ich werde ja nicht nur von Journalisten gefragt, sondern auch in der U-Bahn.

Vielleicht dient der Nockherberg auch als Ventil für die breite Masse, um Frust loszuwerden. 

Sie sagen’s. Es scheint eine Ventilfunktion zu haben, wie ich sie sonst im Kabarett nur aus den Erzählungen alter Kollegen aus der DDR kenne. Da war es ähnlich, da waren ja oft die leisesten Andeutungen von einer Brisanz, die wir uns gar nicht mehr vorstellen können. 

Das Gespräch führte Patrick Wehner.

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