Die Wirklichkeit ist ein Trugschluss

- Das Ganze ist unbenutzbar und abstrus: Eine Toilette mitten im Raum birgt eine "Nächtliche Gartenszene", die die Apokalypse mit Sicherheit schon hinter sich hat. In dem Aquarium, das den halben Innenraum blockiert, formiert sich eine schwarze Baum-Höhlen-Landschaft. Ein Industrie-Schornstein ragt auf, der Rest ist Lava-artiger Garten. Düsteres Licht in einem weißen, klinischen Raum. Tod gegen Sauberkeit, Weite eingemauert im kleinen Sanitärbereich - das ist die Umkehrung aller Werte und Begrifflichkeiten. Das versteht Mark Manders unter Skulptur. Zusammen mit fünf weiteren Künstlern räumt er auf mit Traditionen und nimmt sich die Freiheit, eine Gattung subjektiv neu zu erschaffen.

<P>Ingvild Goetz und Rainald Schumacher haben in der Münchner Sammlung Goetz für ihre Ausstellung "Sculptural Sphere" mit derlei irritierenden Positionen die Entwicklung der Bildhauerei fokussiert: Seien es nun die finsteren Seelenlandschaften, Be- und Verschränkungen wie bei Manders, seien es nun kleinteilige Zeichnungen oder pompöse Rauminstallationen, die Dinge sind sperrig, aber anregend. Jede Anlehnung an die Plastik wird unterminiert. Manders' Lehmfiguren dämmern morbide unter Folie, aufgelöst in der Badewanne wird jede Form zunichte gemacht und der Gedanke an Erschaffen und Verderben weitergesponnen. <BR><BR>Raumgreifend breitet sich Martin Boyce aus: Wände in grafischem Schwarz-Weiß-Grau-Design, darin ein Mobile aus einem zerfetzten, schwarzen Stuhl-Klassiker. Hier geht es um Stil und seine respektlose Zerlegung, um Freieres zu schaffen. Bei Thomas Demand ist es die artifizielle Entstehung von Kopien der Realität, die den Objekten neue Dimensionen geben. Der erste Blick auf seine Fotografien trügt: Die Partyterrasse, das Büro, der Campingtisch, das alles sind täuschend echte Pappkulissen vor dem Objektiv. Die Wirklichkeit ist ein medialer Trugschluss, bar jeden Inhalts.<BR><BR>Tom Sachs macht weiter mit der Kritik an der Industriezivilisation. Eine komprimierte Form der Burger-Küche hat er zusammengezimmert, eine primitive, aber ausgeklügelte Form der Ess-(Un-)Kultur. Sachs spielt mit Werbung ebenso wie mit Architektur, Mülltonnen mutieren zu weiß geschönten Ikonen einer Wegwerfgesellschaft, Kühlschränke zeugen vom Sinn des Lebens: ein kühles Bier. Seine Pop- und Trash-Akzente sind genau das Gegenteil von Boyces Stil: Zwei kultige, aber fragwürdige Lebensrichtungen.<BR><BR>Mit Manfred Pernice werden die Säulen der modernen Gesellschaft, ihre Glanzbauten, in skurrilen Pappminiaturen und Skizzen ad absurdum geführt und mit Geschichten zu neuem Leben erweckt. Zusammen mit Liisa Roberts Film, der Raum und Objekt als Ausdehnung definiert, wird so die Skulptur zu einem gemein unhandlichen und undekorativen, aber umso aktuelleren Metier - weg von der Wohnzimmergestaltung, in bester Environment- und Beuys-Tradition hin zur Lebensgestaltung.</P><P>Bis 12. September, Katalog 30 Euro, Tel. 089/ 95 93 96 90.<BR></P>

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