Das Wissen um Trauer und Trost

- Nein, vor dem Ruhestand befindet sie sich noch lange nicht. In Thomas Bernhards "Weltverbesserer" hat sie als widerständisch dienende Ehefrau noch alle Hände voll zu tun: Heide von Strombeck, die Schauspielerin, die jahrzehntelang zum Ensemble der Münchner Kammerspiele gehörte (1958-2001) und seit zwei Jahren zu dem des Bayerischen Staatsschauspiels, wird morgen 75 Jahre alt.

<P>Die großen, die Hauptrollen hat sie kaum gespielt. Dennoch war die Ehefrau des unvergessenen Peter Lühr doch in allem, was sie tat, immer eine Hauptdarstellerin. Ihre unerhörte Präsenz, ihre stillen Blicke, ihre abgezirkelten Bewegungen, ihr natürlicher Charme und ihr noch immer mädchenhafter Glanz, der aus einer inneren Bescheidenheit heraus sich erhalten hat, machen Heide von Strombeck zu einer Kostbarkeit in Dieter Dorns ohnehin so kostbarer Komödianten-Truppe.</P><P>Im Residenz- beziehungsweise Cuvillié´stheater ist Heide von Strombeck derzeit mit den Rollen aus dem dienenden Milieu betraut. Zu erleben ist sie hier als Hekabes Dienerin, die mit markerschütterndem Schrei deren toten Sohn entdeckt, sowie als Mülltonnen-Mutter Nell im "Endspiel". In den Kammerspielen war Heide von Strombeck zuletzt in Theresia Walsers makabrem Altersheimstück "King Kongs Töchter" zu sehen. Sie war Frau Wurm in der "Volksvernichtung" sowie die wunderbare Amme des Odysseus' in "Ithaka". Zu welch anmutiger Komik sie fähig ist, zeigte die Schauspielerin - ausgestopft zu einer veritablen Dickmadame, von Autor Botho Strauß "Die Beleibte" genannt - im "Schlusschor".</P><P>Was sie auch spielt - immer gibt uns Heide von Strombeck eine Ahnung davon, wie sich Tragik und Komik im Leben der von ihr gestalteten Figuren treffen. Sie lässt die Zuschauer teilhaben an dem tief empfundenen Wissen um Trauer und Trost. Eine Rolle, die sich beredt eingeprägt hat, war die stumme Lotte in Einar Schleefs "Totentrompeten" (1999). "Ich war am Anfang entsetzt", sagte sie damals kurz vor der Premiere, "denn ich hatte noch nie eine stumme Rolle gespielt. Aber ich musste während der Proben sehen: Das Schweigen ist vor dem Wort und nach dem Wort. Wenn es heißt, am Anfang war das Wort, so denke ich jetzt, am Anfang muss das Schweigen gewesen sein."</P>

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