Mit Witz, Charme und Philosophie

- "Wenn ich meinen Körper nicht bewege, kann ich auch meine Gedanken nicht bewegen", sagt Jostein Gaarder, der sich seine Geschichten beim Wandern ausdenkt. Das glaubt man dem norwegischen Schriftsteller sofort: Er hat es gerade in der lebhaften Lesung seines neuen Kinderbuches, "Das Schloss der Frösche", bei der Münchner Bücherschau 2005 bewiesen.

Diese vergnügliche Erzählung (ab acht Jahre) ist in Norwegen bereits vor 17 Jahren erschienen, doch Gaarder ist sich sicher, er würde sie heute noch genauso schreiben. Sie ist - mehr als alle anderen - ein Märchen. Es handelt vom kleinen Kristoffer, der in der Welt des Wichtels Umpin ein Poffer-Prinz ist. Hier lernt er auch, seinen Ängsten in die Augen zu schauen und die Trauer über den Tod seines Großvaters zu überwinden. "Das ist meine Nachricht", sagt Gaarder, "geh' nicht um Probleme herum, sondern durch sie hindurch".

"Es wohnt ein Kind in allen Erwachsenen." Jostein Gaarder

Das Buch sei inspiriert von englischer "nonsense literature" wie "Alice im Wunderland" und nicht, wie seine anderen Bücher, durch die deutschen Erzähler. So gelingt Jostein Gaarder eine wunderbare Mischung aus Witz, Charme, philosophischen Gedanken und einer Moral, die am Ende doch nicht moralisierend wirkt.

Aber über allem liegt auch eine stille Melancholie. Diese Trauer, die in sämtlichen Gaarder-Büchern mitschwingt, entspringt einer "Sorge" des Autors: "Mein Lebensgefühl ist, dass ich hier in dieser wunderbaren Welt nur jetzt bin - und niemals zurückkommen werde." Den kleinen Lesern bei der Bücherschau erklärt er es so: Mit elf Jahren habe er zum ersten Mal gemerkt, dass der Mensch ein Mysterium ist. Seitdem habe er dieses Erlebnis jeden Tag.

Jostein Gaarder, der seit dem Bestseller "Sophies Welt" mit seinen philosophischen Geschichten ein weltweites Publikum anspricht, wird für einen Moment lang ernst - doch nicht weniger enthusiastisch -, wenn er über Philosophie und Religion spricht, über die große Bedeutung von Träumen. Über Realität und Fantasie, die psychologische und die sensuelle Dimension seiner Werke und sein "literarisches Credo", dass das eine nicht ohne das andere sein kann: "Es ist wie der Geruch eines Parfüms, der an jeder Frau verschieden ist. Riecht man aber direkt an der Flasche, wird einem nur schlecht davon."

Deswegen sei er auch kein großer Fan von rein fantastischer Literatur, "direkt aus der Flasche". Doch "Harry Potter" mag Gaarder sehr. Einerseits, weil es nun wieder ein Kinderbuch an die Spitze der Bestsellerlisten geschafft hat - das gelang "Sophies Welt" zum ersten Mal überhaupt. Andererseits, weil es eine Lücke in der jungen Leserschaft schließt: "Jungen zwischen zwölf und 16 haben gar nicht gelesen. Bis ,Harry Potter’."

Und für den Rest, sagt Jostein Gaarder augenzwinkernd, "für Kinder zwischen sechs und zwölf und für Erwachsene nach 17 oder 18", schreibe er. Denn: "Es wohnt kein Erwachsener in einem Kind. Aber es wohnt ein Kind in allen Erwachsenen."

Jostein Gaarder: "Das Schloss der Frösche". Deutsch von Gabriele Haefs. Hanser Verlag, München, 128 Seiten; 14, 90 Euro.

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