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Bücher und Zeitungen stapeln sich im Arbeitszimmer von Josef Joffe, der sich aktuell mit dem jüdischen Humor auseinandersetzt. Morgen stellt er sein Buch „Mach dich nicht so klein, du bist nicht so groß!“ in München vor.

Interview

Josef Joffe: "Witz als Waffe der Wehrlosen"

München - In seinem neuen Buch erklärt Josef Joffe, was es mit jüdischem Humor auf sich hat – und wie er sich verändert.

Am Donnerstagabend stellt Josef Joffe in den Münchner Kammerspielen sein neues Buch vor: „Mach dich nicht so klein, du bist nicht so groß! Der jüdische Humor als Weisheit, Witz und Waffe“. Joffe wuchs als Sohn jüdischer Eltern in Westberlin auf. Er studierte in den USA und arbeitete im Anschluss als Journalist. Seit 2000 ist Joffe einer der Herausgeber der Wochenzeitung „Zeit“. Wir sprachen mit dem 71-Jährigen über Charakter, Funktionsweisen und Grenzen von Humor.

Bereuen Sie den Untertitel Ihres neuen Buchs schon?

Warum sollte ich? „Weisheit, Witz und Waffe“ ist der Kern des jüdischen Humors. Vor allem: Witz als Waffe der Wehrlosen.

Kann man Humor nach dem Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ noch als „Waffe“ betrachten?

Hier ist eine metaphorische Verwechslung im Spiel. „Waffe“ ist nicht als Schnellfeuergewehr gemeint, sondern als verbale Waffe. Außerdem: Der jüdische Witz, wie meinem Buch zu entnehmen ist, ist selten verletzend. Er ist selbstkritisch, gegen die Eigenheiten der eigenen Gruppe gerichtet. In ihren Witzen verlachen sich die Juden hauptsächlich selber. Das ist Lichtjahre entfernt vom aggressiven, verletzenden Humor des „Charlie Hebdo“.

Wann ist die Grenze zur Blasphemie erreicht?

Die Antwort liefert der Blasphemie-Paragraf des Strafgesetzbuchs, der allerdings in Deutschland fast nie eingesetzt wird, weil wir die Redefreiheit als höheres Gut betrachten.

Was versprechen Sie sich von diesem Buch?

Dass es die Leute amüsiert und ihnen das Wesen des Judentums auf „witzige“ Weise nahebringt.

Der Publizist und Buchautor Henryk M. Broder bezweifelt allerdings, dass Ihr Buch zur Verständigung beiträgt. Was entgegnen Sie ihm?

Ich habe dieses Buch nicht aus erzieherischen Gründen geschrieben; das überlasse ich Sozialarbeitern, Sonntagsrednern, Predigern und der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“. Im übrigen sind Broders Artikel und Bücher nicht gerade harmoniesüchtig. Eines seiner jüngsten Bücher attackiert die Europa-Duseligkeit der Deutschen, ein anderes ihre Kapitulation vor dem Islam.

Wo findet sich das Jüdische im deutschen Humor?

Nirgendwo. Wie denn auch, wenn es hier – anders als in Kaiserreich und Weimarer Republik – kaum noch Juden gibt, die in der Wort-, Witz- und Unterhaltungsindustrie tätig sind? Der deutsche Humor, abgesehen von dem feinsinnig-ironischen Harald Schmidt, der inzwischen nicht mehr im Fernseh-Programm stattfindet, ist nach wie vor kein selbstironischer, sondern ein schadenfroher. Gelacht wird über den Trottel, der vom hohen Ross fällt oder über seine eigenen Füße stolpert. Verlacht werden nicht die eigenen Schwächen, sondern die Blödheiten der anderen. Der jüdische Humor ist das exakte Gegenteil.

Inwiefern?

Der jüdische Witz ist gekennzeichnet durch Ironie und Selbstironie, durch die Fähigkeit, über sich selber zu lachen, von dialektischer Akrobatik, Wortspielen und Anspielungen, aber auch durch Galgenhumor. Siehe Woody Allen, Groucho Marx, Mel Brooks – und, etwas weiter zurück, den unnachahmlichen Friedrich Torberg und seine funkelnde Anekdotensammlung in „Die Tante Jolesch“. Dem habe ich in meinem Buch das größte Denkmal gebaut.

Wie hat sich der jüdische Humor im Laufe der Zeit verändert?

Er ist ausgewandert in die anglo-amerikanische Welt – kein Wunder, lebt doch dort die größte jüdische Gemeinschaft auf Erden. In dieser Welt geht es nicht mehr um Fuhrleute und Heiratsvermittler, zaristische Büttel und mächtige Landbesitzer. Es geht um Aufstieg und Assimilation, um den Verlust des Glaubens und tradierter Identitäten, um gesellschaftlichen, nicht um mörderischen Antisemitismus. Dieser Witz ist verbal und aggressiv, aber nie verletzend. Die scharfe Pointe löst sich im wohligen Gelächter auf.

Das Gespräch führte Nathalie R. Stüben.

Josef Joffe: „Mach dich nicht so klein, du bist nicht so groß! Der jüdische Humor als Weisheit, Witz und Waffe“. Siedler, 267 Seiten; 19,99 Euro.

Der Autor stellt sein Buch im Gespräch mit Hellmuth Karasek am Donnerstag, 19. März, 20 Uhr, in den Münchner Kammerspielen vor; Telefon 089/ 233 966 00.

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