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Azad Hamoto ist Orientalist und Kulturhistoriker.

Arabische Kinderliteraturtage im Münchner Gasteig

Wo ist der Jim Knopf Arabiens?

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Heute starten die Arabischen Kinderliteraturtage. Im Auftrag der Internationalen Jugendbibliothek München begutachtet Azad Hamoto arabischsprachige Kinderbücher. Wir haben den Kulturhistoriker bei seiner Arbeit begleitet.

Die kleine Katze vermisst ihre Heimat. Ein Sturm hatte sie einst von dort vertrieben. Nun ist sie in der Ferne und fühlt sich furchtbar durcheinander. Wie viele Kinder, die seit der großen Flüchtlingswelle 2015 in Deutschland versuchen, mit ihren Familien Fuß zu fassen. Liebevoll beschreibt der Kinderbuchautor Jekar Khourchid in besagter Fabel über die Katze das, was hunderttausenden Mädchen und Buben widerfahren ist.

Literatur kann die Ängste, die Sorgen, die Hoffnungen aufnehmen, die Menschen in dieser Situation umtreiben. Kann Trost spenden, weil der Leser sich verstanden fühlt – und in den Protagonisten der Geschichten Vorbilder findet. Wie immens wichtig deshalb arabischsprachige Kinderbücher in deutschen Bibliotheken, Kindergärten und Schulen sind, liegt auf der Hand. Allein: Woher nehmen?

Blick in Jekar Khourchids Fabel über eine kleine Katze.

„Das Problem ist, die passenden Werke zu finden“, sagt der syrische Orientalist und Kulturhistoriker Azad Hamoto. Und bemüht sich seit einem Jahr in einem Projekt darum, genau das zu tun. Heißt: einen Katalog mit arabischsprachigen Kinderbuchtiteln zu erstellen, die keine propagandistischen oder religiösen Zwecke verfolgen, sondern Geschichten erzählen, die unterhalten oder die Lebenswirklichkeit der jungen Leser spiegeln.

Klingt nach einem klaren Arbeitsauftrag, den die Internationale Jugendbibliothek München (IJB) Hamoto gegeben hat. Freilich, es ist zeitaufwendig, alle Kataloge durchzuarbeiten, aber keine echte Herausforderung – oder? Der 62-Jährige lacht. „Hierzulande wäre es so. Doch einen Buchmarkt wie in Deutschland gibt es in der arabischen Welt nicht.“ Das fängt bei den Druckereien an. Die Schriftsteller kommen von überall her, produziert und verlegt wird aber im Grunde nur in vier Ländern: im Libanon, in Ägypten, Syrien und Marokko. Von dort verteilen sich die Werke überall in die arabische Welt.

Hamoto hat also die rund 30 Verlage angeschrieben, die ihm bekannt sind. Antwort bekam er von acht. „Das ist normal“, sagt er achselzuckend. Der gebürtige Syrer blieb hartnäckig. Fragte immer wieder nach, per E-Mail, per WhatsApp, per Telefon – und nach rund drei Monaten hatte er zumindest Buchtitel. „Doch zwischen dem, was der Titel verspricht, und dem, worum es dann tatsächlich im Buch geht, liegen oft Welten“, erzählt er. Also musste er alle interessanten Publikationen bestellen, um sie zu überprüfen. Buchpreisbindung? Fehlanzeige. Wie auf dem Basar handelte Hamoto die Preise aus. Nach und nach trudelten sie ein, die vielen Büchlein, die er begeistert präsentiert.

Romane spielen in der arabischen Welt eigentlich keine Rolle

Zahlreiche Tiergeschichten sind darunter. Aber nicht nur über Hund und Katz. Viele, viele Äffchen kommen vor – klar, der Pavian gehört zum Leben in Ägypten oder Äthiopien dazu wie bei uns die wilden Hasen. Die meisten Texte sind in Reimform geschrieben. Romane spielen in der arabischen Welt eigentlich keine Rolle. „Man erzählt Geschichten oder Dichtungen. Das Mündliche, nicht das Geschriebene steht in der arabischen Welt im Mittelpunkt“, sagt Hamoto. Wobei man natürlich differenzieren müsse. Arabisch, das sei ja nur ein Überbegriff. „Es ist wie mit dem Englischen. Wenn jemand etwas in britischem Englisch schreibt, wird es danach ins amerikanische Englisch übersetzt. So ist es auch im Arabischen.“

„Der politische Islam ist gegen Wissen – und deshalb auch gegen Literatur“

Für alle Länder gelte, dass Romane noch etwas Neues seien. Wenn man den Experten also nach Klassikern der Kinderliteratur fragt – nach der „Pippi Langstrumpf“ oder dem „Jim Knopf“ Arabiens –, muss er passen. „Im Westen sieht man die Welt gern mit westlichen Augen – und überträgt die eigenen Kulturgüter auf alle anderen Länder. Doch wie beim Theater, das ja eine europäische Tradition hat und erst nach und nach in andere Länder importiert wurde, ist auch das Buch etwas, was man in Ländern wie Marokko oder Saudi-Arabien kaum nutzt.“ Schaut man sich nicht nur die Veröffentlichungen für Kinder, sondern auch die für Erwachsene an, sind es hauptsächlich Kochbücher und religiöse Werke, die den Markt bestimmen. „Ich habe in der Schule in der siebten Klasse noch Brecht gelesen“, erinnert sich Hamoto, der in Aleppo aufwuchs. Das wäre heute undenkbar. „Der politische Islam ist gegen Wissen – und deshalb auch gegen Literatur.“

Ein politisches Projekt

Es ist also durchaus ein politisches Projekt, das die IJB hier angestoßen hat. Und das sie bei ihren Arabischen Kinderliteraturtagen heute in der Stadtbibliothek am Gasteig präsentiert. Hamoto wird um 17 Uhr einige kurzweilige Geschichten präsentieren, um 19.30 Uhr folgt ein Gespräch über Themen und Herausforderungen des arabischsprachigen Kinder- und Jugendliteraturangebots. Zu Gast sind dann auch die Chefin eines libanesischen Verlags, ein ägyptischer Illustrator und Autor sowie Hasmig Chahinian, die sich seit 20 Jahren in der Französischen Nationalbibliothek mit dem Thema befasst. Der Katalog mit 40 Titeln, über den sie diskutieren werden, soll ein erster Stein sein, der ins Rollen gebracht wurde. Viele Bilderbücher sind darunter, denn die versteht auch, wer die wenigen arabischen Textzeilen, die daneben stehen, nicht lesen kann. Damit der interkulturelle Dialog gelingt.

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