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Sir Simon Rattle ist der heißeste Favorit auf den Münchner Chefposten - steht aber beim London Symphony Orchestra im Wort.

NACHFOLGER VON MARISS JANSONS

Wo die Liebe hinfällt: Simon Rattle als Chef des BR-Symphonieorchesters?

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Wenn Simon Rattle will, dann kann er Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters werden. Doch der Brite ziert sich.

München - Das Publikum fragt ja wieder keiner. Dabei wäre das Ergebnis eindeutig: Gemessen am Applaus der jüngsten Konzerte, müsste das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sofort Sir Simon Rattle als Nachfolger des verstorbenen Mariss Jansons engagieren. Ein bezeichnendes Schaulaufen liegt hinter dem Klangkörper. Franz Welser-Möst und Daniel Harding gastierten hier in den vergangenen Wochen sowie, auch das ein Signal, gleich zweimal Rattle. Höflich die Reaktionen auf die ersten beiden, die das dirigierten, was zu ihrem Image passt: Welser-Möst Wiener Klassik, Harding einen schwer nach Dramaturgenarbeit tönenden Promenadenmix vom Barock bis zur Moderne. Rattles Programme ähnelten Hardings Wahl – nur lief alles sinnlicher, befeuernder ab, viel enger, kollegialer mit dem Ensemble verzahnt.

Dabei gibt es einen weiteren, den vielleicht besten Thron-Aspiranten: Yannick Nézet-Séguin. Vor einigen Monaten erfolgte in München eine Orchesterabstimmung. Nicht unbedingt über den künftigen Chef, wohl aber darüber, mit welchen Pultstars man enger zusammenarbeiten will. Das Ergebnis: Nézet-Séguin führte eindeutig vor Rattle, danach folgte mit vielsagendem Abstand Harding. Als Nézet-Séguin im Frühjahr eigentlich beim BR gastieren sollte, hatte man sogar ein Zuckerl parat. Sein Mann, der Bratscher Pierre Tourville, hätte als Gast im Orchester mitspielen dürfen.

Nézet-Séguin hat allerdings zwei Probleme. Der Kanadier kann derzeit nicht nach Bayern kommen, außerdem hat er – Philadelphia, New York, Montréal – zu viele Chefposten. Der 45-Jährige, stilistisch Polyglotte, der lustvoll auf der medialen Klaviatur spielt, wäre die zukunftsträchtigste Wahl. Und ob er auf dem zusammenbrechenden nordamerikanischen Orchestermarkt tatsächlich alle Chefstellen behalten kann, steht in den Sternen.

Das Ensemble braucht einen Schutzschild

Hätte, wäre, könnte – zu viele Unwägbarkeiten für die BR-Symphoniker. Wer ins Orchester hineinfragt, erhält daher meistens eine Antwort: Rattle muss es machen. Und klar ist: Wenn der 65-Jährige will, bekommt er den Posten. Doch Rattle ziert sich. Seit 2017 ist er Chef des London Symphony Orchestra und steht dort im Wort. Viele Musiker kennt er schon lange persönlich. Und er tut in der britischen Hauptstadt das, wofür sich Mariss Jansons in München aufgerieben hat – Rattle kämpft für einen Konzertsaal.

Wenn London nicht wäre, hätte er längst in München zugesagt, soll Rattle geäußert haben. Auch andere Szenarien sind daher vorstellbar. Möglich wäre, dass er einen anderen Titel trägt, zum Beispiel den des ersten Gastdirigenten. Oder es bleibt bei einer Interimszeit, bis Nézet-Séguin frei ist.

Für das BR-Symphonieorchester wäre Rattle zudem der dringend notwendige Schutzschild. Seit dem Tod von Jansons kriechen die Sparkommissare aus ihren Löchern. Es geht um den künftigen (finanziellen) Status des Ensembles im vom Kürzungen gebeutelten Sender und um eine erneute Fusionsdebatte: Warum, so fragen einige, müsse sich der BR mit dem Symphonieorchester, dem Rundfunkorchester und dem Chor drei Klangkörper leisten? Mancher verweist auf den SWR mit seinem fusionierten Symphonieorchester, das mit dem (allerdings umstrittenen) Teodor Currentzis gerade Triumphe feiert. Dass sich die baden-württembergische Situation nur schlecht mit der bayerischen vergleichen lässt, leuchtet den Kritikern dabei kaum ein.

Zweites wichtiges Thema für das Münchner Ensemble: das Konzerthaus. Ohne einen prominenten Streiter an der Orchesterspitze droht dem Projekt eine fatale Abspeckung, wenn nicht sogar das Aus. Rattle könnte dies verhindern, weil sein Name auch den Skeptikern und Hinterbänklern in Rundfunkrat und Landtag ein Begriff sein dürfte. Mit dem Briten könnte man sich zudem im Star-Glanz sonnen – in Bayern kein unwichtiges Argument.

Letzte große Personalentscheidung von BR-Intendant Ulrich Wilhelm

Bis spätestens Herbst wird wohl der künftige Chefdirigent gekürt. Viel spricht dafür, dass dies die letzte große Personalentscheidung des scheidenden BR-Intendanten Ulrich Wilhelm ist. Auffallend oft ward er letztens in den Konzerten gesehen. Wilhelm gilt als Fürsprecher des Symphonieorchesters. Ob seine Nachfolgerin oder sein Nachfolger ähnlich kulturaffin ist, weiß keiner – auch deshalb dürfte schon bald weißer Rauch aufsteigen.

Doch wenn Rattle absagt? Und wenn Nézet-Séguin nicht freikommt? Dann könnte alles auf Franz Welser-Möst hinauslaufen. Vom 59-jährigen Chef des Cleveland Orchestra wird erzählt, er suche intensiv nach einem Posten in Mitteleuropa. Die Dresdner Semperoper käme ihm gerade recht, sollte es dort zum Krach mit Christian Thielemann kommen. Oder ein Ensemble in München, in der Stadt, in der der gebürtige Linzer vier Jahre lang studiert hat. Welser-Möst ist ein exzellenter Handwerker und Probenarbeiter mit Sinn für die romantischen Schwergewichte. Sein Ruf ist allerdings nicht der beste. Zu neutral, zu brav, zu traditionalistisch, so unken viele – und verwechseln manchmal das Image mit dem tatsächlichen Aufführungsergebnis. Den früheren Chef der Wiener Staatsoper und der Zürcher Oper verbindet jedenfalls eine jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dem BR. Und: Auch Welser-Möst wäre ein Promi, der sich für Kulturpolitisches einsetzen kann.

Vorerst ruhen allerdings alle Hoffnungen auf Rattle. Gern pflegt er sich in Probenpausen und nach den Konzerten unter die Münchner Musiker zu mischen. Immer wieder wird er mehr oder weniger offen nach seinen Ambitionen gefragt. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, bekam er neulich von einem Orchestermitglied zu hören. Worauf der gern ironische Brite nur vielsagend antwortete: „Bis bald.“

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