Der mit den Wörtern tanzt

- Schauspieler will der 17-jährige, gebürtige Bieler Robert Walser werden und spricht, als Büroangestellter in Stuttgart, bei Josef Kainz vor. Das vernichtende Urteil stellt sich der spätere Schriftsteller in "Die Talentprobe" selbst aus: "Sie mögen der glühendste Mensch innerlich sein, zerwühlt meinetwegen, doch es kommt nichts an Ihnen zum Ausdruck." Walser lässt sich nicht entmutigen. Er beschließt, seinen Ausdruck statt auf den Bühnenbrettern auf den Buchseiten zu finden, will "ein großer Dichter werden".

Robert Walser, dessen Geburtstag sich heute zum 125. Mal jährt, wurde der Schauspielerdichter, der seinem Leben und seiner Zeit in den - im besten Wortsinn - eigentümlichen Gesten seiner Sprache Ausdruck verlieh. In Romanen, Prosastücken und Lyrik gewann er ein neues, ein zweites Leben. "Wenn ich morgens erwache, so erwacht der Künstler in mir; der Mensch verbirgt sich vor dem Tanzbegabten, der sich selbst Vater, Mutter, Bruder, Freund und Freundin ist, der über die Glieder und den Geist gebietet, sich reich genug weiß, dass er die Mitlebenden nur für Gestalten nimmt zu beliebigem bildenden Spiele."

Als Sprachbegabter, der mit den Wörtern tanzt, erspielt sich Walser seine immer gefährdete Freiheit. Sie ist erkämpft gegen und gebrochen im Zweifel an der eigenen Person. Sein Schreiben ist ein paradoxes Gemisch aus Hybris, die sich doch nur nach einem "Ruheplätzchen" sehnt, und aus Demut, die gegen jeden und alles Höhergestellte rebelliert.

Wer wissen will, wer Robert Walser war, der kann sich an Robert Mächlers 1966 fertiggestellte Biografie halten. Mit ihr kann er sich auf die verdeckte Spur des flüchtigen Dichterlebens im literarischen Werk begeben. Zu jedem Eckdatum der Biografie ist das entsprechende Zitat zu lesen. In seinen bekanntesten Romanen - "Geschwister Tanner" (1907), "Der Gehülfe" (1908) und "Jakob von Gunten" (1909) _ ließe sich Walsers Familie (der erfolglose Vater und die gemütskranke Mutter, der Maler Karl und Lisa, die zwei für Robert wichtigsten der acht Geschwister), das Geschick des Büroangestellten (der Walser bis 1905 zum Zweck des Broterwerbs war) und der Diener finden (als welcher sich Walser ausbilden und für kurze Zeit anstellen ließ). Doch in all dem wäre wohl eher ein Schauspieler Robert Walsers und seines Lebens zu sehen, der der Klaviatur seines Ausdrucks zart schüchterne wie beißend satirische Töne zu entlocken vermag. Trotz bedeutender Fürsprecher wie Christian Morgenstern und Max Brod ist die literarische Laufbahn des Autors so unstet wie die biografische des passionierten Spaziergängers. Den verstreuten Erscheinungsorten seiner Texte scheint der zwischen den schweizerischen Landstrichen und Städten, zwischen Stuttgart, München und Berlin nomadisierende Dichter nach- oder voranzuschreiten. Seine bewegliche Heimat sind der weitläufige, abschweifende Gedankengang und die Literatur.

1913 beginnt sich Walser, in ein bis zwei Millimeter hohe Mikrogramme zurückzuziehen, in Bleistiftskizzen, mit denen er eben verfügbares Papier überzieht. Zu seinem letzten Rückzugsort werden 1929 bis zum Tod 1956 die psychiatrischen Heilanstalten von Waldau und Herisau. Den Weg dorthin hat er bereits 1928 in der "Geburtstagsprosa" literarisch gebahnt: "Hölderlin hielt es für angezeigt, d.h. für taktvoll, im vierzigsten Lebensjahr seinen gesunden Menschenverstand einzubüßen, wodurch er zahlreichen Leuten Anlaß gab, ihn aufs unterhaltsamste, angenehmste zu beklagen." An seinem 125. Geburtstag ist ein Dichter aufs angenehmste nicht zu beklagen, sondern an ihn zu erinnern, der in der Literatur wie im Leben viele kleine große Rollen spielt(e).

Von und über Robert Walser sind bei Suhrkamp erschienen: "Feuer. Unbekannte Texte aus drei Jahrzehnten" (16,90 Euro). Als gebundene Sonderausgaben: "Geschwister Tanner" (11 Euro), "Der Gehülfe" (10 Euro), "Jakob von Gunten. Ein Tagebuch" (8 Euro), "Der Räuber" (9 Euro) sowie Robert Mächler: "Das Leben Robert Walsers. Eine dokumentarische Biografie" (8,50 Euro).

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