Es wogt und wirbelt

- Bollywood, Bombays berühmte Traumfabrik. 200 Filme werden jährlich in den Studios produziert, ein Viertel der gesamten indischen Filmproduktion. Und für täglich etwa 15 Millionen Menschen ist ein Bollywood-Streifen mit seinen in Prachtdekors, Tanz und Musik verpackten Herzschmerz-Melodramen die Glücksdroge gegen den harten Arbeitsalltag. Wenn im Westen das ein oder andere Filmmusical nachträglich ein Broadway-Hit wurde, machten die Inder jüngst gleich ganz Bollywood zum Bühnenspektakel. Und "Bollywood ­ The Show" schien jetzt, am Applaus gemessen, fürs Publikum im Münchner Deutschen Theater die Überglückspille.

Bollywood-Film live auf der Bühne war das Versprechen. Und das ist diese Show ja auch tatsächlich ­ irgendwie. Da ist erst einmal die Geschichte einer Bollywood-Dynastie, gespielt in einem mit indisch melodiösem Akzent gefärbten Englisch (deutsch übertitelt): Eine junge Frau probt den Aufstand gegen ihren Großvater, der ein berühmter Bollywoodfilm-Choreograph ist, aber einer der alten Schule. Die Enkelin will stilistische Neuerungen und vor allem den Glitzer-Glamour-Ruhm der modernen Filmindustrie. Am Ende kehrt die junge arrivierte Tanzschöpferin in ihr Dorf zurück, versöhnt sich mit dem sterbenden Großvater und erfährt das Glück mit ihrer wiedergefundenen Jugendliebe.

Globalisierter Tanz

Diese Lovestory läuft eher so nebenbei mit. Darum hat man sich mit der Besetzung des Jugendgeliebten nicht sehr angestrengt. Deepak Rawat hüpft und springt zwar wie der Teufel, Solistenniveau kann man ihm nicht zugestehen. Und damit liebt die sehr präsente und tänzerisch charmante Hauptdarstellerin Carol Furtado im Grunde ins Leere. Gleichviel, es soll hier ja offensichtlich vor allem ein Generationenkonflikt vorgeführt werden, der Gegensatz zwischen Tradition und Moderne -­ was kein uninteressantes Thema ist, zumal es um die Kunst des Tanzens und des Tänzemachens geht. Nur leider kommt dieses Thema lediglich verbal vor, in den Texten von Großvater und Enkelin, nicht ausdrücklich im getanzten Bühnengeschehen selbst.

Sicherlich: Wenn die junge Dancing-Queen in die Heimat zu ihren Wurzeln zurückgekehrt ist, sind die Nummern im Duktus einen Hauch näher an traditionellem indischem Tanz. Ein von Trommlern begleitetes Männer-Duo scheint sogar unberührt von jeglicher Kommerzialisierung. Aber im Großen und Ganzen hat Vaibhavi Merchant die Show in einem perfekt globalisierten Stil durchchoreographiert. Es ist ein Mix aus Jazz-, Funk- und Breakdance-Floskeln, in welchen Arm- und Kopfbewegungen aus indischen Tanzformen wie Kathak und Bharata Natyam eingewoben sind. In diesem Stil wogt und wirbelt und tobt das Ensemble über die Bühne ­ in vielen vielen Nummern. Das Vokabular bleibt überraschend beschränkt. Und im immergleichen Rhythmus einer ebenfalls durchgemixten indischen Popmusik sieht dann irgendwann alles gleich aus.

Besonders merkwürdig: die Rüpel-Figuren (sehr entfernte Verwandte des traditionellen Bauerntheaters) erlauben sich Kritik am Bollywood-Genre. Kitsch sei es und Klischee und aus Versatzstücken zusammengestoppelt. Wäre ja pikant, wenn denn diese Live-Show besser wäre, oder, noch besser, eine saftig amüsante Parodie. Eine Tunte durchs Stück schwuchteln zu lassen, tut‘s nicht.

Insgesamt erzählt Regisseur Toby Gough alles, ehrlich gesagt, furchtbar brav. Wenn etwas an diesem Abend Effekt macht, dann ist es die Masse der Kostüme, die Masse der Tänzer, die Energie, mit der sie sich in diese letztlich, ja, große Disco-Party werfen.

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