Wohltätige Mörder

- "Diese universelle Frage. Warum weint ein Mensch?" Das überlegt Louise Cantor auf dem Flughafen von Athen. Sie ist eigentlich frohgemut. Bald ist die Archäologin, die im Auftrag des schwedischen Staats in der Argolis auf dem Peloponnes die Grabungen leitet, wieder daheim und wird ihren Sohn Henrik treffen. Aber Henning Mankell, der Meister der Beängstigung, hat den Leser bereits mit dem ersten Worten vorgewarnt. "Die Kathastrophe kam im Herbst . . ."

Wenn also die Mama ihren erwachsenen Buben bloß auf dem Anrufbeantworter erreicht, wissen wir im Grunde, dass sie ihn nur tot wiedersehen wird. Die Erzählung macht noch ein paar Mäander - griechischer Geliebter, Tagung der Altertumsforscher -, aber dann entdeckt Louise ihr Kind. Ausgestreckt auf dem Bett - leblos.

"Wie würden wir Europäer reagieren, wenn die Welt nur wüsste, wie wir sterben, aber nichts darüber, wie wir leben?"

Henning Mankell

Die 54-Jährige stürzt in das Elend einer Mutter, die ihr Kind beerdigen muss. Mankell, der sich als Autor fast immer mit all seinem Können auf die Seite der Opfer stellt - auch wenn sie bisweilen Täter werden -, kreiert in seinem neuen Roman "Kennedys Hirn" eine moderne Pietà. Ihr legt er aber letztlich nicht nur einen toten Sohn in den Schoß, sondern einen sterbenden Kontinent: Afrika.

Die Frau ahnt zunächst nichts davon, und auch der Leser ist noch lange nicht auf diese Fährte gesetzt. Denn er und Louise werden erst auf eine falsche gelockt - gerade durch Henriks ausführliche Beschäftigung mit dem verschwundenen Gehirn des ermordeten Präsidenten. Viele Mappen hat er mit dem rätselhaften Fall gefüllt. Hilft dieses Geheimnis eben jenes um Henriks Tod zu lüften? Dass der Sohn, in dessen Körper man bei der Obduktion Schlafmittel gefunden hat, Selbstmord begangen haben soll, kann Louise Cantor nicht glauben. Nicht nur ihr Muttergefühl, sondern viele unscheinbare Indizien sprechen dagegen, einerseits. Andererseits: Der junge Mann war HIV-positiv.

Irreführung ist das große Thema des Romans von Henning Mankell. Sie ist zugleich das Stilmittel. Die typische Strategie des Kriminalromans also, die der schwedische Autor so virtuos, bestsellerträchtig und im vorliegenden Fall bisweilen zu symbollastig beherrscht. Wie die Detektiv-Urväter Sophokles ("Ödipus"), E.T.A. Hoffmann ("Das Fräulein von Scuderie") oder Gilbert K. Chesterton ("Pater Brown") ist auch Mankell vor allem ein Moralist. Spannung ja, allerdings nie als unterhaltsamer Selbstzweck. Deswegen ist die Irreführung diesmal eine sorgfältige Führung hin zu den Problemen des Schwarzen Kontinents, den der Schriftsteller als zweite Heimat liebt.

Louise beginnt ihre Forschungsarbeit am Leben ihres Sohnes zäh und geduldig (Symbol Archäologin) und qualvoll verzweifelt als Mutter. Je mehr sie auf der Fährte ihres Kindes zurückgeht, je mehr sie erfährt von ihm, umso weniger versteht sie. Selbst der versierten Expertin für Keramik ist es nicht möglich, die ständig neu entdeckten "Scherben" sinnvoll zusammenzufügen. So sammelt sie weiter Informationen und Helfer über Länder und Kontinente hinweg, stets seelisch unterstützt vom eigenen Vater Artur, Holzfäller und Bildhauer (Symbol Herz/ Kraft Schwedens). Episoden in Sydney und Apollo Bay, in Barcelona, Argolis und natürlich in Maputo reihen sich aneinander. Neben der Trauer quält zunehmend die Angst, dass Henrik in Verbrechen verwickelt ist, und eine weitere Angst. Sie ist ungreifbar, verschleiert sich mit Zufällen, sogar mit Freundlichkeit und Wohltätigkeit.

In Maputo, wo Louise Henriks Freundin Lucinda aufsucht, nähert sie sich der Angst und ihrer dunklen Quelle, aber auch der Sicherheit, dass sich der Sohn gegen die Bösartigkeit gestemmt hatte. Aids ist das Stichwort, das nichts anderes meint als das Sterben(-lassen) eines Kontinents wegen (unserer) Gleichgültigkeit und aus Habgier der Mächtigen in In- und Ausland.

Die Gewalt rückt der Schwedin auf den Leib: dahinsiechende Kranke, an denen medizinische Versuche vorgenommen werden; Informanten mit aufgeschlitzter Kehle oder Kopfschuss; Ehemann Aron verschwindet und taucht nur mehr im Obduktionsbericht als Erdrosselter auf. Was bleibt ist die Hilflosigkeit. Sie zu ertragen, hilft nur eines: erzählen. Das nimmt sich Louise Cantor vor. Das tut Henning Mankell: "Ein Roman kann auf Seite 212 oder 397 enden, doch die Wirklichkeit geht unvermindert weiter. Was hier geschrieben steht, ist natürlich ganz und gar das Ergebnis meiner eigenen Wahl und meiner Entscheidung. Genauso, wie der Zorn mein eigener ist, der Zorn, der mich antrieb."

Henning Mankell: "Kennedys Hirn". Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 399 Seiten; 24,90 Euro.

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