Wohnlichkeit als Floskel

- Das schnuckelige Häuschen - es wird zum Blechcontainer. Sardinenbüchsen statt Campingromantik, Cola-Dosen statt solider Wände, Plastik statt heimeliges Holz. Ein Leben in der fahrbaren Tonne. Ehe man sich noch mit dieser Wohnform abgefunden hat, ist sie schon wieder weggepackt und sucht wo anders ein paar freie Quadratmeter zwischen Häuserfluchten und Straßen, über Tiefgaragen und anderen Restplätzen.

<P>Für die einen ist es die moderne Freiheit, für die anderen Notwendigkeit und für die nächsten wirkliches Leid. Wenn Behausungen zu Behelfsunterkünften werden, kann das dem Lebensgefühl von urbanen Nomaden im Hightech-Design entsprechen, es kann aber auch einfach bloß ein Armutszeugnis der Gesellschaft mit dem Phänomen Obdachlosigkeit sein. Nur eines sind die "Xtreme Houses" in der lothringer13 in München auf alle Fälle nicht: gemütlich-trautes Heim. Allenfalls sind es aufblasbare, klappbare, recycelte Versatzstücke dessen, was die kleine Scholle Eigenheim-Glück ausmacht. Und spätestens damit wird diese fabelhafte Architektur-Ausstellung zur ebenso amüsanten wie kritischen Gesellschaftsanalyse.<BR><BR>21 Künstler, Designer und Architekten haben ihre Studien und Vorschläge zum modernen Wohnen installiert. Das Projekt geht auf die Münchner Kuratorin Courtenay Smith und Sean Topham aus London zurück, die zum Thema ein Buch veröffentlicht haben. Mit dabei ist Frank Motz und die Stiftung Federkiel in Leipzig. Zusammen eröffnen sie ein Spektrum, das vom Lückensuchen in übersiedelten westlichen Großstädten bis zu den Baracken von Flüchtlingen reicht.<BR><BR>Leben in Lücken</P><P>Schon draußen auf dem Dach lockt das Baumhaus aus Flugzeugteilen (Michael Sailstorfer, München), daneben bietet Michael Rakowitz (New York) den aufblasbaren Stadtiglu an, der unter dem Namen "Parasite" die Obdachlosenthematik aufgreift. Valeska Peschke (Berlin) hat mit ihren "Instant Homes" eine ähnliche Idee: Binnen zweier Minuten steht das luftgefüllte Eigenheim, das mit Kamin- und TV-Attrappen Wohnlichkeit auf Floskeln zusammenkürzt. <BR><BR>Bedarfsarchitektur bieten auch die anderen: immer schnell veränder- und abbaubar. Da können Stockwerke entfaltet, Hecken mittels Glaswänden zu Räumen abgetrennt oder Sparhäuser im All-In-One-Look gebaut werden. Sean Godsell (Australien) hat Selbstversorger-Häuschen für Hilfsbedürftige entwickelt, Jones stellt die Flexibilität von Schiffscontainern vor. Eine der gewagtesten Ideen auf dem Sozialsektor sind Michael Hönes Häuser und Möbel aus verdrahteten Coladosen (Südafrika).<BR><BR>Für die neue Generation der Frei-Zeit-Arbeiter offeriert N55 (Kopenhagen) die Plastiktonne mit Paddel und Rollband, Winfried Baumann (Nürnberg) passt seine rollenden Stahlboxen mit Schlafsack oder Laptop an den Benutzer an. Alles Wird Gut (Wien) lässt den Menschen gleich in einem bewohnbaren Hamsterrad die jeweilige Sitz- oder Arbeitsposition herbeidrehen. Weiterhin kann man wählen zwischen panzerähnlichen Stahlraupen-Unterkünften und rostigen Raumschiffanleihen, zwischen schwimmenden Plattformen und durchgestylten Design-Pseudowohnungen. Da hält man es doch lieber mit Oscar Tuazon (New York), baut sich ein Pappschachtel-Domizil und staunt über die ganze Ansprüche und Umbrüche, die mitten aus der Gesellschaft, also mitten aus dem schlingernden Selbst heraus entstehen.</P><P>Bis 1. August, Telefon 089/ 44 86 961.<BR><BR></P>

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