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Wolf Wondratschek lädt zur Kaffeehaus-Plauderei.

Neuer Roman von Wolf Wondratschek

Die heilige Stille

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Wolf Wondratschek legt jetzt seinen neuen Roman „Selbstbild mit russischem Klavier“ beim Ullstein Verlag vor. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Es ist etwas mehr als zehn Jahre her, da veröffentlichte Wolf Wondratschek den Lyrikzyklus „Tabori in Fuschl“. Den zwölf Teilen ging die Begegnung mit dem Dramatiker und Theatermacher George Tabori (1914-2007) voraus. Die letzte Strophe des neunten Gedichts lautet „Der Tod, wenn er kommt, was wirst Du ihm sagen?/ Was ich sagen werde? Gut,  dass  es   Sie gibt, Gevatter, Kompliment!/ Ohne Sie wäre das Leben, wie man es nennt, reine Angeberei“. Diese Zeilen führen nun mitten hinein in Wondratscheks neuen Roman.

Der Autor, gerade 75 geworden, stellt an den Beginn von „Selbstbild mit russischem Klavier“ die zufällige Begegnung zweier Herren im vorgerückten Alter in einem Wiener Kaffeehaus. Hier trifft ein Schriftsteller auf Suvorin, einen einst gefeierten russischen Pianisten. Zwischen den beiden entwickelt sich ein Gespräch über die Musik, die Kunst, die Zeitläufte, das Leben, seine Endlichkeit und Gott. Es geht also um nichts und alles. Um große Katastrophen – Suvorins Frau starb bei einem Verkehrsunfall – und kleine Sehnsüchte – die Reise nach San Remo!

„Chuck‘s Zimmer“ machte ihn berühmt

„Selbstbild mit russischem Klavier“ ist Künstlerroman und Alterswerk. „Ich wurde nicht recht schlau aus ihm, aus seinen Seufzern nicht, auch nicht aus seinem Lachen“, heißt es einmal über Suvorin. „Was war Schmerz, was Scherz?“ In den Unterhaltungen mit dem Pianisten, der im Gegensatz zu manch anderen erwähnten Künstlern fiktiv ist, spiegelt sich dabei stets der Erzähler. Oft hat Wondratschek den Übergang zwischen den (Selbst-)Gesprächen kaum merklich komponiert, aufgeschrieben hat er die 19 Kapitel in einem wunderbar schwebenden Ton.

Der Ullstein Verlag, bei dem der Roman erschienen ist, beginnt nun zugleich, das verstreute Werk des Schriftstellers in einer Gesamtausgabe zusammenzutragen. Wondratschek debütierte 1969 mit „Früher begann der Tag mit einer Schußwunde“. Seine Lyrik und Prosa knallte mit ihrem rauen Funkeln in den Literaturbetrieb der Siebziger. Der Autor, 1943 im thüringischen Rudolstadt geboren und viele Jahre in München zu Hause, brachte eine Seite des Deutschen zum Klingen, die wenige der Sprache zugetraut hätten. Der Sound, die Direktheit waren aufregend neu und erinnerten an US-Vorbilder.

Ullstein veröffentlicht Werkausgabe

Seine Protagonisten fand Wondratschek im Halbdunkel, bei den Außenseitern einer wohlanständigen Gesellschaft: bei den Huren und Zuhältern, bei den Boxern und Zirkusleuten. Mit seinem Alter Ego Chuck, der keiner Frau, keiner Droge und keiner Auseinandersetzung aus dem Weg ging, schuf er eine Figur, die die Leser elektrisierte. „Chuck’s Zimmer“, 1974 erstmals publiziert, war ein Verkaufserfolg – obwohl es sich um einen Gedichtband handelt. Wondratschek selbst entzog sich jedoch stets gekonnt den Gepflogenheiten und Spielregeln der Szene. In diesem Punkt ist er, der seit Ende der Neunzigerjahre in Wien lebt, bewundernswert konsequent. Dies führte dazu, dass er vor zwei Jahren das Manuskript des Vorgängerromans, „Selbstbildnis mit Ratte“, einem Privatmann verkaufte – weil er mit den Konditionen der Verlage nicht einverstanden war.

Wondratschek debütierte 1969

Geblieben ist sein Spott für das Bildungsbürgertum, die Missachtung der Großkopferten – im „Selbstbild mit russischem Klavier“ gibt es eine wahrhaftige, herrlich böse Passage über das Applaus-Gebaren bei Konzerten. Doch das Breitbeinige seiner früheren Texte hat er längst aufgegeben zugunsten eines leichten, sprachverliebten Stils, der zärtlich die Ausdrucksmöglichkeiten des Deutschen erforscht. Exemplarisch für diese Wandlung steht die Erzählung „Das Geschenk“ (2011), in der er nochmals Chuck auftreten lässt – der Cowboy der Straße ist gereift, in die Jahre gekommen und Vater eines Sohnes. Mit „Mittwoch“ (2013) glückt ihm dann ein außergewöhnliches Buch, ausgehend von einer alltäglichen Idee: Der Erzähler folgt einem 100-Euro-Schein, der an einem Mittwoch zwischen acht und 18 Uhr von Hand zu Hand wandert. Das passiert zigfach jeden Tag. Dennoch hat man nach der Lektüre das Gefühl, an etwas Besonderem teilgenommen zu haben. 

Im neuen Roman erlebt der Leser nun einmal mehr Wondratschek als Liebhaber klassischer Musik – eine Leidenschaft, die sein Schreiben immer wieder beeinflusst: Erinnert sei nur an die Satire „Mozarts Friseur“ (2002) und an „Mara“ (2003), hier erzählt das berühmte Cello von sich selbst. Dieses wurde unter anderem von Heinrich Schiff (1951-2016) gespielt; im „Selbstbild“ ist der Österreicher nun erneut gewürdigt. Doch Wondratscheks Begeisterung für Musik geht einher mit einem großen Respekt vor deren Zauber, der „heiligen Stille“, wie Suvorin stellvertretend formuliert: Er habe diese gefunden, „als ich anfing, die Musik zu lieben. Ich sage nicht, als ich anfing, die Musik zu verstehen. Ich habe, glaube ich, bis heute keine Ahnung, was Musik ist. Ich sitze am Klavier, ich spiele, ich liebe, was ich spiele, aber ich verstehe nichts.“ Manchmal ist ein Geheimnis eben beglückender als die Erkenntnis.

Das gilt auch für diese Kaffeehaus-Plaudereien. Sie berühren durch leise Melancholie und gefallen durch die schlichte Schönheit der Sätze. Ohne den Tod, heißt es bei „Tabori in Fuschl“, wäre das Leben „reine Angeberei“. Die (Selbst-)Gespräche der beiden alten Männer in diesem Buch erinnern uns daran.

Wolf Wondratschek: „Selbstbild mit russischem Klavier“. Ullstein, Berlin, 272 Seiten; 22 Euro.

Am 12. November, 20 Uhr, stellt Wondratschek seinen Roman in der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl, Leopoldstraße 45, vor. Karten unter Telefon 089/ 38 01 500.

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