+
Ein Leben für die Literatur: Nach dem Tod des Vaters Heinrich Beck im Jahr 1973 setzte Wolfgang Beck zusammen mit seinem Bruder Hans Dieter die Familientradition fort.

Wolfgang Beck: Der Buch-Macher

München - Er ist der Buch-Macher: Wolfgang Beck spricht im Merkur-Interview über das 250-jährige Bestehen des C. H. Beck-Verlags, lehrreiche Tradition und die Zukunft des Buchs.

Ein Jubiläum muss ordentlich gefeiert werden – erst recht, wenn es das 250-jährige Bestehen ist. Und deshalb feiert der Münchner C. H. Beck-Verlag zwei Mal: Beim Festakt für geladene Gäste an diesem Samstag im Prinzregententheater sind Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, sowie Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität Berlin, die Festredner. Am Samstag in einer Woche feiert der Verlag dann mit seinen Lesern (was wäre er schließlich ohne sie?) einen ganzen Tag im Münchner Literaturhaus (siehe Kasten). Zum Jubiläum sprachen wir mit Wolfgang Beck (Jahrgang 1941), der den Verlag zusammen mit seinem Bruder Hans Dieter (Jahrgang 1932) in der sechsten Generation leitet.

Mit der Bitte um eine spontane Antwort: Welches Buch liegt aktuell auf Ihrem Nachttisch?

Ich gestehe: gar keines. Ich lese nicht gern im Bett und vor dem Einschlafen. Ich finde, man sollte hellwach und putzmunter sein beim Lesen, umso mehr, wenn die Bücher aktives Mitdenken erfordern. Den Morgen stelle ich mir eigentlich als die ideale Lesezeit für Bücher vor, doch nutzt man sie meist für die Zeitungen. Wenn ich Ihre Frage umdeute als Erkundigung nach meiner jüngsten Lektüre, so nenne ich Hans Pleschinskis Roman „Königsallee“ und Elisabeth Siftons und Fritz Sterns historisches Buch „Keine gewöhnlichen Männer. Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi im Widerstand gegen Hitler“, beide neu erschienen in unserem Verlag.

Was muss ein Buch haben, damit es Sie fasziniert?

Das ist schwer zu verallgemeinern. Für jedes Buch gibt es andere Gründe. Pleschinskis Roman hat mir außerordentlich gefallen, weil er um Thomas Mann, über den ja eigentlich jeder von uns etwas weiß, eine höchst amüsante Komödie entfaltet und zugleich ein authentisches Zeitbild der frühen Fünfzigerjahre zeichnet. Man lernt und fühlt sich auf hohem Niveau unterhalten. Das Buch des Historikers Fritz Stern, das er zusammen mit seiner Frau Elisabeth Sifton geschrieben hat, zieht den Leser tief hinein in die furchtbare Nazizeit. Das Beispiel zweier extrem mutiger Männer vor Augen durchlebt man als Leser eine Art moralisch-politisches Exerzitium, weil die Frage, wie hätte ich mich verhalten, hätte ich damals gelebt, immer mitschwingt beim Lesen.

Ist die Rolle des Verlegers als väterlicher Freund der Autoren, als „literarischer Geburtshelfer“ und „literarischer Spürhund“ ein Klischee? Sind heute nicht auch im Verlagswesen vor allem Manager gefragt, die kühl rechnen können?

Rechnen schadet nie. Doch das Wesentliche für einen Verlag war es schon immer und bleibt es, die richtigen Bücher und die richtigen Autoren an sich zu ziehen. Und das ist vor allem das Arbeitsfeld des Verlegers und des Lektorats. Was jeweils „richtig“ ist, hängt natürlich vom Typus des Verlags, seinem Profil und seinen Programmschwerpunkten ab.

Das 250-jährige Bestehen des C. H. Beck-Verlags haben Sie unter das Motto „Die Welt im Buch“ gestellt. Was entgegnen Sie Skeptikern, die behaupten, man könne die komplexe Welt von heute nicht im Buch darstellen?

Wie soll man sie sonst darstellen? Am ehesten gelingt es in Büchern. Unser Motto „Die Welt im Buch“ bezieht sich ja nicht auf ein einzelnes Buch, sondern auf eine Vielzahl. Und auf ein Verlagsprogramm, das eine gewisse Universalität pflegt. Die Belletristik gehört dazu, „welthaltig“ wie sie ist und sein sollte, sowie die Geistes-, Kultur- und Human-, ja auch die Naturwissenschaften, aber nicht in ihrer akademischen Variante, sondern in einer Form, die eine breitere Öffentlichkeit erreicht. „Sachbuch“ ist der eingeführte Begriff dafür, der aber trotzdem, wie ich finde, nicht besonders glücklich ist, weil er nüchtern, kunst- und menschenfern klingt, was der Wirklichkeit der Bücher nicht entspricht.

Carl Gottlob Beck, einer Ihrer Vorfahren, gründete den Verlag im September 1763 in Nördlingen. Wie schwer lastet die Bürde der Familientradition auf Ihren Schultern? Sie und Ihr Bruder Hans Dieter, der für die juristischen Bücher verantwortlich ist, gehören zur sechsten Generation...

Als „Bürde“ würde ich die Familientradition nicht bezeichnen, eher als Chance. Die Vorfahren haben Beachtliches geleistet, hier weiterzumachen, war durchaus verlockend. Aber natürlich muss sich jede Verlegergeneration aufs Neue anstrengen, damit der Verlag nicht plötzlich altväterlich aussieht, damit er in seinem Programm aktuell und zeitnah und attraktiv für bedeutende Autoren bleibt.

Carl Gottlob Beck sorgte für eine intellektuelle Belebung Nördlingens und gründete die erste Zeitung der Stadt. Was konnten Sie aus der Geschichte Ihrer Vorfahren und des Verlags lernen?

Ja, lernen lässt sich vielleicht, dass nichts von selbst entsteht und weitergeht. Der Verlagsgründer war ein sehr aktiver Mann: Buchverleger, Zeitungsherausgeber, Buchdrucker und Buchhändler in einem. Und die Nachfolger waren ebenfalls befähigt. In der Mitte des 19. Jahrhunderts starb jedoch einer der Becks sehr früh, zu einem Zeitpunkt, als seine Kinder und Erben noch ganz jung waren. Da war es Glück im Unglück, dass zuvor ein tüchtiger Mitarbeiter, er hieß Ernst Rohmer, in das Unternehmen eingetreten war, der es dann drei Jahrzehnte lang erfolgreich führte. Was man also braucht, das lässt sich aus einer so langen Verlagsgeschichte ebenfalls lernen, ist Glück und Fortune.

Ihr Haus bietet Fachbücher ebenso wie ein breites literarisches Programm. Was ist der Reiz, die Stärke dieses Wundertüten-Prinzips?

Mit Fachbüchern meinen Sie sicherlich unser großes rechtswissenschaftliches Programm, das für die Ökonomie des Hauses immer ein wichtiger Pfeiler war...

Genau...

Die Tradition dieses Verlagszweigs reicht in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Zugleich wurde aber immer vieles andere verlegt, und so verstehen wir uns sowohl als Fach- wie als Publikumsverlag, letzterer mit Schwerpunkt in den Human- und Kulturwissenschaften und in der Belletristik.

Oft ist die Klage zu hören, dass gerade junge Leute nicht mehr lesen würden. Dennoch ist die Zahl der Neuerscheinungen ungeheuer groß und dennoch werden Bücher gern verschenkt. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Ja, die Zahl der Neuerscheinungen ist nach wie vor groß – darüber kann man sich wundern, vor allem sollten wir uns aber freuen. Denn sie bezeugt eine alles in allem noch immer recht intakte Buch- und Lesekultur. Jüngere Jahrgänge lesen allerdings weniger Bücher als früher – darauf verweisen einige Umfragen. Zugleich aber – das wirkt wie ein Widerspruch – blüht die Kinderbuchsparte. Der Gesamtumsatz der Buchbranche war in den vergangenen fünf Jahren moderat rückläufig, von einer dramatischen Entwicklung lässt sich nicht sprechen.

Trotzdem die unvermeidliche Frage: Hat das gedruckte Buch in Zeiten von E-Book und Tablet-Computern längerfristig eine Überlebenschance?

Ich bin ganz sicher: Ja! Die Bücher müssen sich allerdings der neuen Konkurrenzsituation anpassen, was längst geschieht. Lexika, reine Nachschlagewerke, trockene Wissensanhäufungen sind der digitalen Konkurrenz nicht gewachsen und vom Markt schon weitgehend verschwunden. Eine gewisse Art rasch konsumierter Unterhaltungsliteratur wird vermutlich in Zukunft eher als E-Book und seltener als gedrucktes Buch gelesen. Doch die wirklich guten und bedeutenden Bücher, sei es in der Belletristik, sei es in den Wissenschaften, mit denen man sich ernsthaft und vielleicht auch über einen längeren Zeitraum beschäftigt und die einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, die möchte man weiterhin als Buch in seiner Nähe haben – und zwar als eines, das sich auch verschenken lässt, das auch als „Objekt“ attraktiv ist und das in den Bücherregalen einen Ort hat, von dem aus es einen freundlich, ermunternd, herausfordernd anblickt, anstatt sich im Nirwana des Digitalen zu verflüchtigen.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Konzertkritik: So war Anathema im Backstage
Einen abenteuerlichen Weg hat die Liverpooler Band Anathema in zweieinhalb Jahrzehnten zurückgelegt: von ruppigem Doom Metal über düsteren Alternative Rock hin zu einer …
Konzertkritik: So war Anathema im Backstage
„Die lustige Witwe“ am Gärtnerplatz: Nachkriegstonfilm 2.0
Franz Lehárs „Die lustige Witwe“ gehört zur DNA des Münchner Gärtnerplatztheaters. Das passende Stück also zur Wiedereröffnung - auch wenn der Abend recht brav ausfällt.
„Die lustige Witwe“ am Gärtnerplatz: Nachkriegstonfilm 2.0
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Das wird ein Fest für Trash- und 90er-Fans. Gleich sechs Bands, die im Umz-umz-Zeitalter für Furore gesorgt hatten, treten beim Event „Die Mega 90er live!“ in der …
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Fans dürften den Tag sehnsüchtig erwartet haben: Am Donnerstag kommt der neue Asterix-Band (Asterix in Italien) in den Handel. Wir haben schon darin geblättert - und …
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 

Kommentare