Wolfgang Brendel: Schimanski des Wagner-Fachs

München - "Die Frist ist um." Das sind seine ersten Worte. Gemeint sind die zurückliegenden sieben Jahre, in denen Wagners verfluchter Holländer auf den Weltmeeren schippern musste, bis er wieder ans Land durfte. Wolfgang Brendel, Münchens aktueller Interpret dieser Rolle, dürfte dabei auf ganz andere Gedanken kommen: Jahrelang, viel zu lang ward der Bariton im Nationaltheater nicht gesehen.

Ein Zwist mit Ex-Intendant Peter Jonas sei daran schuld gewesen, wie zu hören ist. Alles vergessen. Als Mandryka, Sachs, Scarpia, Eisenstein und Holländer haben wir ihn wieder. Ein Geschenk für die Fans - und wohl für ihn selbst: An diesem Samstag feiert Wolfgang Brendel seinen 60. Geburtstag.

Obwohl: So ganz einfach ist es mit ihm nicht unbedingt. Doch das weiß Brendel. "Wenn ich nicht immer sagen würde, was ich denke, würde ich daran ersticken", hat er einmal im Gespräch mit unserer Zeitung gemeint. Ein Duckmäuser ist der Opernstar demnach kaum. Einer, der kommentarlos alle Kinkerlitzchen mitmacht, die Dirigenten, besonders Regisseure von ihm verlangen.

Aber gerade das macht Brendel ja so sympathisch. Weil sich da einer unverstellt, ungekünstelt, direkt und, gelinde gesagt, eloquent gibt. "Soll ich loslegen, oder haben Sie Fragen?" - das ist ein Begrüßungssatz, der jeden Interviewer naturgemäß in Panik bringt. Brendel trägt eben sein Herz auf der Zunge - nicht nur im Gespräch, sondern vor allem auf der Bühne.

Lange Jahre war der gebürtige Münchner eine Ensemble-Stütze der Bayerischen Staatsoper. 1976 wurde er zum damals jüngsten Bayerischen Kammersänger ernannt. Und seine Rollen lassen sich gar nicht alle aufzählen: Papageno, Giovanni, Almaviva und Mandryka sind darunter (für Letzteren erhielt er den Merkur-Theaterpreis), aber auch das italienische Fach um Luna, Don Carlo, Posa und Germont. Und das ist im Zeitalter des Schubladendenkens schon etwas ganz Besonderes: Als einer der wenigen deutschen Bariton-Solisten ist Brendel weltweit in Sachen Verdi gefragt.

Singen "auf der Traumstation", das habe für ihn immer ein Engagement in München bedeutet. Günter Rennert hat ihn seinerzeit gefördert und zum Widerspruch erzogen, Wolfgang Sawallisch mochte auf Brendel in unzähligen Aufführungen nicht verzichten und beeinflusste seine musikalische Gestaltungskraft. Und, außerhalb der Isar-Stadt, förderte ihn vor allem Götz Friedrich, der Brendel eine seiner wichtigsten und besten Partien auf den Leib inszenierte: den "Meistersinger"-Sachs, den er eben nicht als braves Väterchen gestaltete, sondern als eine Art Schimanski des Wagner-Fachs.

Wie wichtig Brendel für München, wie beliebt er hier ist, das zeigt sich gerade wieder an den Applaus-Orkanen, die sogar während der "Holländer"-Aufführung losbrechen. Eine Sache freilich fehlt ihm noch: der Wotan, den er seit einiger Zeit lernt und der die Krönung der Karriere wäre. Obwohl - von unserer Zeitung befragt, mit wem er gern im Fahrstuhl stecken bleiben möchte, meinte Brendel einmal: "mit drei schönen Italienerinnen". Nicht nur das sei ihm an seinem Ehrentag gewünscht.

Nächste Vorstellungen: Ab Silvester ist Wolfgang Brendel in der Münchner "Fledermaus" wieder als Eisenstein dabei.

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