Wolfgang Sawallisch ist im Alter von 89 Jahren im Chiemgau gestorben.

Sawallisch: Abschied vom Grandseigneur

München – Wer Wagner, Strauss oder Mozart von ihm hörte, der war für immer seiner einzigartigen, vor allem ehrlichen Kunst verfallen. Jetzt ist Wolfgang Sawallisch, der große Dirigent, mit 89 Jahren in seinem Haus in Grassau im Chiemgau gestorben.

Ein wenig wirkt das Haus wie ein Schlösschen. Nicht unbedingt verwunschen, eher ein der Welt enthobenes, so großzügiges wie gemütliches Exil. Ein schmales Sträßlein führt hinauf, kurz nach dem Ortsanfang von Grassau, dann noch ein Fußweg durch einen baumbestandenen kleinen Park. Der dort wohnte, wollte und konnte seit einiger Zeit nicht mehr dieses Paradies unweit des Chiemsees verlassen. „Ein schöneres Fleckerl Erde? Ich kann’s mir nicht vorstellen“, sagte Wolfgang Sawallisch oft – und dabei deutete er mit verschmitztem Stolz zum Panoramafenster des Wohnzimmers hinaus. Nun ist der Hausherr, um den es in den letzten Jahren doch sehr einsam geworden war, der Welt nicht mehr nur enthoben, er ist ihr ganz abhanden gekommen.

Sawallisch starb am vergangenen Freitag mit 89 Jahren. Schon lange hatte er sich nicht mehr der Öffentlichkeit gezeigt. Er, der am 26. August seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte, der für Jahrzehnte im Mittelpunkt stand und nicht wollte, dass seine Hinfälligkeit nun für alle sichtbar wurde. Der Grandseigneur der Opernwelt, der Elegante, der Formvollendete. Der noch im allerhöchsten Alter mit Briefen Kontakt hielt in einer Sprache, die aus unserer Zeit gefallen schien. Höflich, mit wohlbedachten Worten und kunstvoll ziselierten Sätzen, immer geprägt von einer feinen Ironie, die auch die Gespräche durchzog. „Entweder ich gewöhne mich an meinen Blutdruck – oder er sich an mich.“ Ein paar Jahre ist es her, dass Sawallisch das am Schluss eines nachmittäglichen Besuches in Grassau sagte, wie immer bei ihm zur Teestunde. Über fünf Monate hatte er da gerade im Krankenhaus verbracht. Eine unnütze Zeit, wie er fand, daheim könne er sich doch am besten kurieren.

Ein sogenannter Kritikerpapst hat Sawallisch einmal als „Kapellmeister“ bezeichnet, 1983 war das, als im Münchner Nationaltheater gerade das Riesenprojekt von Wagners „Ring des Nibelungen“ gestemmt wurde. Als Schmähung war das gemeint, dabei konnte es keine treffendere, wahrhaftigere Formulierung geben. Sawallisch war eines nicht: ein eitler Selbstverwirklicher, einer, der sich um der Wirkung willen verausgabte, der Musik fürs Ego missbrauchte. Diener der Musik sein, dieses Ethos lebte Sawallisch vor. Er war nicht nur der Mann für die drei Stunden Opernaufführung, er spürte auch die große Verantwortung für den traditionsreichen Ort, an dem er wirken durfte und handelte danach. Hier, an der Bayerischen Staatsoper, leitete er die großen Wagner- und Strauss-Zyklen. Hier gab es Mozart-Interpretationen, die von einer Innigkeit, einem weisen, tiefen Verständnis für diese Menschenanalysen beseelt waren. Und hier baute er ein Ensemble auf, das damals seinesgleichen suchte.

Gerade Mozart-Abende brauchten in den Siebzigerjahren in München keine schnell durchreisenden Gast-Stars, weil die Größten ihrer Zeit – Dietrich Fischer-Dieskau, Peter Schreier, Brigitte Fassbaender oder Margaret Price etwa – sich nur zu gern ans Haus und an seinen musikalischen Prinzipal banden. Wenn er dann dirigierte, seine Sänger mit geschmeidigen, anmutigen Bewegungen der linken Hand durch die Arien lotste, ihnen die Noten mehr empfahl anstatt etwas zu oktroyieren und seine Solisten dabei väterlich behütete, dann sprach daraus eine Liebe zur Stimme, zum Handwerk, zum tiefsten Wesen der Musik, das heute selten geworden ist. Das war das Ideal eines Kapellmeisters, daran müssen sich alle Kollegen messen lassen.

Eine Doppelexistenz war das, die Sawallisch führte. Äußerlich war er der Hyperkorrekte, einer, der die Haare streng zurückgekämmt, mit durchgedrücktem Rücken zum Pult eilte und dabei die Autorität eines seriösen Herrn alter Schule verströmte. Doch dann passierte es. Dass zum Beispiel der zweite Akt von Wagners „Tristan und Isolde“ heißlief, höchste Energiewerte erreichte, sich Klänge zur kritischen Masse ballten – ein atemverschlagender Furor. Nichts hatte dieses Glühen gemein mit dem sonst so beherrscht auftretenden Künstler. Aus dem Trauermarsch der „Götterdämmerung“ sprach bei Sawallisch etwas Niederschmetterndes, Nihilistisches, Endgültiges, das einem das Blut gefrieren ließ. Und wie er den „Fliegenden Holländer“ zum nervenzerreißenden Thriller fast überspannte, das hat kein anderer je so vorgeführt.

Wagner war einer von Sawallischs hochverehrten Tonschöpfern. Strauss ebenso, natürlich auch Mozart. Dass diese drei Komponisten zugleich als „Hausgötter“ über der Bayerischen Staatsoper thronten, war eine der glücklichsten Fügungen nicht nur für Sawallisch, sondern für alle, die seine einzigartigen Abende erleben durften.

Aber der eigentliche Lieblingskomponist blieb Robert Schumann. Seine Klavierwerke spielte Sawallisch früher gern, als noch nicht klar war, ob er Pianist oder Dirigent werden sollte. „Schumann ist einer, der unbedingt ehrlich schrieb“, sagte Sawallisch. „Das merkt man schon als junger Mensch. Ein im wahrsten Sinne einmaliger Stil. Ich spüre da ein Ringen, als ob er sich selbst sagen würde: ,Ist schon verdammt schwer. ‘“ Ehrlichkeit – das blieb die Maxime von Sawallischs Selbstverständnis.

Als klar war, dass es Sawallisch ans Dirigentenpult zog, ging der gebürtige Münchner seinerzeit auf „Ochsentour“. Als Korrepetitor war er in Augsburg engagiert, lernte dort als Klavierbegleiter der Proben das ganze große Opernrepertoire kennen. Aachen, Wiesbaden, Köln, Hamburg, an diesen Häusern konnte er dann das reiche Wissen als Chef anwenden.

1971 kehrte Sawallisch schließlich heim, als Intendant und Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper. Zwischen 1976 und 1982 überließ er den Intendantenposten August Everding, mit dem ihn eine stetig wachsende, herzliche Abneigung verband. Bis 1992 blieb dann Sawallisch wieder alleiniger Herr des Hauses. Gut zwei Jahrzehnte als Steuermann eines der weltweit wichtigsten Opernunternehmen – wie groß war da die Überraschung, als es Sawallisch plötzlich über den großen Teich zog. Doch da gab es noch etwas.

Immer nur Oper, das spürte er, war zu wenig. Und eine zweite, nun schon herbstliche Karriere bescherte ihm die Chefstelle beim Philadelphia Orchestra von 1993 bis 2003. Auf einen solchen, vor Erfahrung schier berstenden Künstler aus der Alten Welt wollte das US-Orchester nicht verzichten. Wie überhaupt immer wieder erstaunlich war, wie Sawallisch außerhalb Deutschlands und Österreichs geschätzt wurde. An der Scala war er hochbeliebt, in Japan, wohin er jedes Jahr für einige Wochen reiste, wurde er gar verehrt wie ein Gott.

Doch nicht der Wechsel aus der Alten in die Neue Welt war der größte Einschnitt in Sawallischs Leben. 1998, mit 77 Jahren, starb seine Frau Mechthild. Von diesem Schicksalsschlag hat er sich nie mehr ganz erholt. Immer seltener ließ er sich von Grassau nach München bringen und zog sich lieber in sein schönes Haus zurück. Doch er schottete sich nicht ab. Er gründete in Grassau die Sawallisch-Stiftung, die sich dem Nachwuchs widmet, und ließ sich nur zu gern besuchen. Und wenn es im Fernsehen oder im Radio Übertragungen aus Bayreuth, Salzburg oder München gab, dann war er dabei. Bestens war Sawallisch informiert, hatte seine ganz eigenen, dezidierten bis humorvollen Ansichten übers Musikleben.

In langen Gesprächen konnte er mit seinem unnachahmlichen Münchner Singsang, auf den jeder Schauspieler stolz gewesen wäre, das alles analysieren. Und man spürte: Den Rückzug von der Bühne vor einigen Jahren, den hat er zwar rational eingeordnet, emotional aber nie ganz verwunden.

Das Gefühl wurde stärker, je älter er wurde, je mehr er auch verlassen wurde: Vor einigen Wochen erst starb der Stiefsohn. „Komisch“ sei das, hier zu sitzen und sich nicht mehr musikalisch mitteilen zu können, sagte Sawallisch im vergangenen Sommer. „Natürlich“ würde er deshalb den Beruf des Dirigenten in einem späteren Leben wieder wählen. „Aber heute, und jetzt sag’ ich was Furchtbares, würde ich ihn mehr für mich ergreifen wollen, für mein persönliches Divertissement jenseits aller Verantwortlichkeiten irgendwelcher Apparate gegenüber. Es ist einfach ein wunderschönes Gefühl, mit dem Publikum Stunden der Freude zu erleben.“

Markus Thiel

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