Wolfgang Sawallisch über Robert Schumann: „Einer, der ehrlich schrieb“

München - Wagner, Strauss, Mozart, all diese Meister assoziiert man mit Wolfgang Sawallisch. Doch der Lieblingskomponist dieses großen Dirigenten ist Robert Schumann, dessen 200. Geburtstag am kommenden Dienstag gefeiert wird. Ein Interview.

In seinem Grassauer Haus hat der 86-jährige Sawallisch unserer Zeitung über seine lebenslange musikalische Liebe Auskunft gegeben.

Woher kommt’s, dass Schumann Ihr Lieblingskomponist ist?

Wahrscheinlich daher, dass ich übers Klavier zu ihm gefunden habe. Ich habe ja lang von den Schumann-Werken nur die Klaviermusik gekannt. Gut, auch die vier Symphonien. Aber die zweite hat man zum Beispiel lange Zeit nicht gespielt, weil sie technisch so schwer ist. Wenn man das Tempo des zweiten Satzes wirklich so nimmt, wie es sein sollte (singt es vor), dieses Auf- und Abstürmen, dieses fast Schizophrene, dann braucht es dafür ein Top-Orchester. Ich bin ab meinem zehnten Lebensjahr über die „Papillons“, über den „Faschingsschwank“ und über das hinreißende „Album für die Jugend“ zu Schumann gekommen. Auch technisch hat er mich entscheidend vorangebracht. Schumann ist einer, der unbedingt ehrlich schrieb. Das spürt man schon als junger Mensch. Ein im wahrsten Sinne einmaliger Stil. Diesen Stil vom Klavier aufs Orchester zu übertragen, das war mir später als Dirigent eine der wichtigsten Aufgaben.

Es gibt ja genügend Klischees und Fehlurteile über seine angeblich mangelhafte Instrumentationskunst...

...und dem muss man entgegensteuern. Manche langsamen Sätze mögen zu gewichtig instrumentiert sein. Manches ist quasi doppelt gemoppelt, gerade in den Mittelstimmen. Aber das ist eben sein Stil. Und damit muss man zurechtkommen, nicht es verurteilen. Es ist eine Frage der Balance. Gut, bei einigen Chorwerken denkt man sich schon: Na ja, das hat er halt geschrieben für irgendeine Düsseldorfer Chorvereinigung. Seine großen Kompositionen wie die „Faust-Szenen“, übrigens eines der hinreißendsten, abendfüllenden Werke, oder die c-Moll-Messe mögen aufs erste Hören unverständlich sein. Doch es ist großartige, einzigartige Kunst. Man muss sich Schumann ganz widmen, sich ihm ganz ausliefern. Nebenbei bügeln oder tapezieren, das geht nicht (lacht).

Ist Schumann deshalb so ehrlich, weil er nicht mit Wirkungen kalkuliert?

Vor allem hat er sich nicht verunsichern lassen, etwa durch den ihm sehr nahen und strengeren Brahms. Abgesehen vom Beginn der „Rheinischen Symphonie“, wo die Melodie fast nicht mehr aufhört, gibt es bei ihm eine relative Kurzatmigkeit der Themen - und alles klingt doch wahnsinnig erfüllt. Das ist schon faszinierend. Ich hab bei ihm manchmal das Gefühl, dass es ihm nicht um einen musikalischen Zündstoff geht. Sondern, dass er um etwas gekämpft hat - allein wenn ich etwa an seine Textauswahl aus Goethes kompliziertem „Faust II“ denke. Ich spüre da ein Ringen, als ob er sich selbst sagen würde: „Ist schon verdammt schwer...“

Gibt er sich Blößen?

Ich möchte sagen: Ja. Warum zum Beispiel schreibt er alternative Schlüsse für manche Werke...?

Macht es Schumann demnach auch dem Interpreten schwerer, weil er ihm nicht so entgegentritt wie andere?

Zweifellos. Mir kommt jetzt gerade eine Frage: Hat Schumann beim Komponieren oder beim Sich-Beschäftigen mit einer Vorlage überhaupt jemals versucht, dem Publikum zu gefallen? Aber gut: Wollten das Beethoven, Schubert, Brahms? Bach war das sicher ganz wurscht. Der hat mit einer genialen Gelassenheit geschrieben.

Weil er, was sein kompositorisches Selbstbewusstsein betrifft, gefestigter als Schumann war.

Richtig. Aber das waren größtenteils ja auch Auftragswerke. Bei Schumann war das ganz anders. Ein Schaffen von innen heraus, nicht aufgrund eines äußerlichen Anstoßes.

Spürt man Schumanns Lebensumstände in seinen Werken?

Ich glaube schon. Diese Zerrissenheit, dieses Nicht-Auftrumpfen-Wollen, das ist auch hörbar. Nehmen Sie Liszt, der zeit seines Lebens auch ein Klavierklingler war und bei dem ich mir sage: Ein bisserl aufg’setzt ist das schon. Im Alter dagegen hat er sich unglaublich verändert. Da ist auf einmal ein ganz tiefer Ernst zu bemerken. Und das spüre ich bei Schumann von Anfang an.

Warum hat es denn Schumanns Oper „Genoveva“ zu schwer gehabt?

Rein musikalisch gesehen ein unglaublich gutes Stück. Aber ein blöder Text (lacht). Genauso wie bei Webers „Oberon“ oder „Euryanthe“. Die könntest du schlachten aufgrund der Texte. Da verstehe ich Wagner ganz gut, dass er sagte: Ich finde keine Vorlagen, also schreib’ ich mir den Text selber.

Sind Sie zu Schumann gekommen, weil die Klavierstücke einfach da waren? Oder weil es eine Wesensverwandtschaft gab?

Das wär’ mir ein bisserl zu vermessen zu sagen, ich hätte ähnlich gefühlt wie er. Mein Klavierprofessor gab mir eben ein Gefühl für gute Musik.

Hilft das Schumann-Jahr mit seinen vielen Konzerten und Veröffentlichungen diesem Komponisten weiter?

Sehr fraglich. Er wird nie die Popularität von Brahms oder Beethoven erreichen. Leider wird ihm noch nicht die nötige Aufmerksamkeit und Reverenz erwiesen, daran könnte dieses Jahr etwas ändern. Aber ein Liebling? Das wird er wohl nie werden.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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