In den Wolken schweben

- Eigentlich hatte er ja gar keine Zeit mehr, selbst Kunst zu schaffen - als Akademieprofessor für Landschaft und vor allem als Galerie-Inspektor Ludwigs I., als erster Chef der Alten Pinakothek. Und doch gibt es von Johann Georg von Dillis (1759-1841) an die 10 000 Zeichnungen. Ein gigantisches uvre, das zum Teil im Besitz der Staatlichen Graphischen Sammlung ist und in dem des Historischen Vereins von Oberbayern.

<P>Diese 8500 Blätter und 40 Skizzenbücher ruhten im Münchner Stadtarchiv, bis sie 1996 als Dauerleihgabe ins Lenbachhaus kamen. Denn die Werke sollten als kunsthistorischer Schatz gehoben werden. Barbara Hardtwig hat diese Forschungsarbeit geleistet und daraus die so vielfältige wie heitere Ausstellung "Die Kunst des Privaten" entwickelt; natürlich nur mit einer kleinen Auswahl aus dem Konvolut.</P><P>"Privat" deswegen, weil die sozusagen staatstragenden Arbeiten Dillis', etwa als Reisebegleiter von Kronprinz Ludwig, in die hoheitlichen Sammlungen kamen, all die anderen in der Familie blieben. Dillis, längst anerkannt und gut bestallt, musste nichts verkaufen, nur um leben zu können. Seine Karriere begann allerdings ganz anders: Am Anfang stand der Abschied von der Kunst. Kurfürst Max III. Joseph hatte den begabten Buben der Jägerfamilie Dillis (Haag/ Oberbayern) gefördert, starb aber, bevor der seine Maler-Laufbahn überhaupt richtig beschritten hatte. Der junge Mann entschied sich notgedrungen für ein Theologiestudium, kam aber von der Malerei nicht los; der Abbé´ gab Zeichenunterricht in adeligen Familien. Die ihm dann bei seiner künstlerischen Entwicklung weiterhalfen. Heute gilt der später Geadelte als wichtigster Vertreter der Münchner Schule. Weniger wahrgenommen wird seine Rolle als Realist und einflussreicher Kunstmanager.</P><P>Die aktuelle Ausstellung zeigt vor allem den Aspekt des unermüdlichen Arbeiters, der sich trotz seiner öffentlichen Aufgaben durch Zeichnen auf der Höhe seiner - und der internationalen - Kunst hielt. Das gilt insbesondere für die wunderherrlichen Wolken auf blauem Papier. Das, was immer ist und doch stets flüchtig vorüberzieht, in das wir uns hineinfantasieren oder aber gar nicht beachten, hat Johann Georg von Dillis mit raschem Strich in Weiß und Grau festgehalten: der Realist als Träumer.</P><P>Die einfachen Leut'</P><P>Die Präsentation im Lenbachhaus verfolgt die Könnerschaft in der Entwicklung: Vater Wolfgang, der dem Buben beim Lesen zuschaut; die Flachs hechelnde Mutter, fabelhaft, wie in Grautönen Licht gesetzt, wie das Gewand farblich pointiert wird. Jäger begegnen uns, dann die wohlhabenden Müßiggänger, daneben kluge Porträts. Wichtig waren Dillis einfache Leut': </P><P>Steinsammlerinnen, die sich mit dem Kalkstein abplagen, die Kranken mit ihren Krücken oder der Fischer Blasl von Freimann. Alle Details seiner Hütte von den aufgehängten Netzen über den Brettstuhl bis hin zum roten Hennenkäfig vor dem Ofen sind zu erkennen genauso wie die seiner Kleider inklusive der Knöpferl an den beinhohen Gamaschen.</P><P>Dillis' Wolken, seine Münchner Landschaften von Praterinsel und Englischem Garten finden in Malte Spohrs (Jahrgang 1958) sensiblen Zeichnungen eine schöne Entsprechung. Figuratives spielt dabei freilich keine Rolle, vielmehr das Fließende, Flottierende der Natur. Spohr webt es ein in unendlich viele, feinste, parallele Striche, die das Büttenpapier waagrecht füllen und in ein zartes Gespinst verwandeln.</P><P>Bis 30. 11.; Katalog: 30 bzw. zehn Euro; Tel. 089/ 230 320 00.<BR></P>

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