Wir wollen leben, als wüssten wir es

- "Die Nachgeborenen - die Achtundsechziger wie die Spaßgesellschaft der Neunziger - haben der Generation der Eltern und Großeltern immer wieder einmal ihr Sicherheitsbedürfnis vorgeworfen, ihre Sehnsucht nach Ruhe, ihren Drang nach Wohlstand, ihre Angst vor Experimenten, ihre Unbeweglichkeit. Wer sich freilich das Chaos des Jahres 1945 vergegenwärtigt, als ganze Landschaften von Bomben umgepflügt wurden, uralte Siedlungsmuster sich auflösten und kaum eine Biografie ohne scharfen Bruch blieb, dem sollte es eigentlich nicht schwer fallen, Verständnis für jene aufzubringen, die all dies durchleben mussten."

<P>Und weiter heißt es in dem "Ausblick" überschriebenen Schlusskapitel von Theo Sommers Buch "1945 - Die Biographie eines Jahres": "Sechzig Jahre danach ist es an der Zeit, der Generation der Großeltern Dank dafür zu zollen, dass sie ausgehalten und durchgehalten hat." Ein genaues, auch ein bewegendes Buch (Rowohlt Verlag, 17, 90 Euro). Es gehört in die Reihe jener Bücher, die zum 60. Jahrestag des Kriegsendes erschienen sind. Und es ist eines der besten, komprimiertesten, sachlichsten.<BR><BR>"Tatsächlich geht eben eine Epoche zu Ende."<BR>Norbert Frei in "1945 und wir"</P><P>Der Historiker Joachim Fest, der, ebenfalls bei Rowohlt, "Gespräche mit Albert Speer" herausgegeben hat (19, 90 Euro), ist im Zusammenhang mit der Kriegsende-Literatur der Meinung: "Die Leute sind übersättigt und können das nicht mehr hören." Die Verlage waren da anderer Meinung. Und nach Sichtung des Angebots kann gesagt werden: Es ist viel Interessantes und Wissenswertes auf dem Markt.<BR><BR>Eine der herausragendsten Neuerscheinungen auf diesem Gebiet ist zweifellos "1945 und wir - Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen" von Norbert Frei (C. H. Beck Verlag, 19, 90 Euro).<BR><BR>Der Jenaer Historiker formuliert den aktuellen Moment, den 60. Jahrestag des Kriegsendes, als einen "erinnerungspolitischen Gezeitenwechsel", als einen Abschied von den Zeitgenossen. Er beschreibt und analysiert in seinem Buch "die Schwelle des Übergangs von der Erfahrung zur Geschichte". Denn Wahrheit ist, dass heute fast niemand mehr sagen könne, er erinnere sich. So benennt Frei das vergangene Jahrzehnt als "die Dekade der Zeitzeugen". In der kritischen Betrachtung des Umgangs mit der Vergangenheit konstatiert er "vielfach unpolitische Töne einer privatistischen Geschichtsbetrachtung, in der sich die Unterschiede zwischen Tätern, Opfern und Mitläufern verwischen".<BR><BR>Seit dem Film "Der Untergang" ist "Der Tod im Führerbunker" stärker im Gespräch als je. So heißt das Buch von Mario Frank, der in einer Chronologie die Tage vom 20. April bis zum 1. Mai 1945 rekapituliert (Siedler Verlag, 22 Euro). Ein teils nüchternes, teils emotionales Dokument, das präzise den Endkampf um Berlin und den Vormarsch der Roten Armee skizziert.<BR><BR>Weiterhin zu empfehlen: Die Dokumentation in Fotos und Biografien: "Das Dritte Reich" von Hermann Vinke (Ravensburger Buchverlag, 15 Euro). Ferner: "1945 - Befreiung und Zusammenbruch", herausgegeben von Peter Süß (dtv, 8, 50 Euro). Dieser kleine, sehr lesenswerte Band enthält Erinnerungen aus sechs Jahrzehnten, darunter von so prominenten Persönlichkeiten wie Erich Kästner, Hildegard Knef, Fritz Kortner und Hildegard Hamm-Brücher.<BR><BR>Ein besonderer Tipp: der großartige Band "Diese merkwürdige Zeit - Leben nach der Stunde Null" (Edition Büchergilde, 39, 90). Er enthält Texte aus der Neuen Zeitung, jenem von den Amerikanern gegründeten Münchner sowie Frankfurter Nachkriegsblatt, dessen Feuilletonchef zunächst Erich Kästner war. Die Neue Zeitung erzielte teilweise eine Auflage von zweieinhalb Millionen Exemplaren. Die erste Ausgabe erschien am 18. Oktober 1945, die letzte am 12. September 1953. Hier schrieben die berühmtesten Menschen der Nachkriegszeit über die Nachkriegszeit. Also höchst Lesenswertes von Bertolt Brecht, Thomas und Heinrich Mann, Carl Zuckmayer oder Franz Werfel. So viel Anfang war nie. Im Januar 1946 schrieb etwa Luise Rinser: "Vielleicht stehen wir zwar am Ende der europäischen Kultur, aber am Anfang einer neuen Ordnung der Welt. Wir wissen es nicht. Aber wir wollen leben, als wüssten wir es."<BR><BR>Es ist das Verdienst Wilfried F. Schoellers, dieses wunderbare Buch herausgegeben zu haben.</P>

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