Wonnen und Wunden, Triumph und Trauer

- Ein perfekter Auftritt. Voll besetzter Zuschauerraum. Gespannte Blicke auf die Bühne. Von dort muss er kommen, Walter Schmidinger, der seit neun Jahren nicht mehr in München Theater gespielt hat und zu dessen angesagter Lesung nun alle erschienen sind: die Kollegen, die er nicht durch sein Buch vergrätzt hat, die Freunde, die Verehrer, die Bewunderer seiner Kunst. Griegs "Morgenstimmung" wird eingespielt.

<P>Leise öffnet sich eine Tür, Parkett vorne links. Fast unbemerkt tritt er ein, den geliebten Raum tief in sich aufnehmend, eine Rose in der Hand, Elegie, Scheu, Triumph, Verunsicherung im Blick, in der Geste. Gespielt, kalkuliert oder natürlich? Das ist bei diesem Zauberer und Menschenkönner nicht voneinander zu trennen. Er ist ganz und gar und immer er selbst.<BR><BR>Aufbrausender Beifall. Schmidinger geht auf die Bühne, läuft an der Rampe auf und ab, als wolle er jeden, der gekommen ist, einzeln wahrnehmen. Da erschallt vom Balkon laut der Ruf einer Frau: "Willkommen zu Hause." Jetzt ist er überwältigt, überrascht, getroffen, gerührt, selig: "Ja, da habe ich keine Angst mehr vor dem Glück. Oder eigentlich doch. Denn ich habe Angst, dass die Zeit des Glücks so schnell vergeht."<BR><BR>An diesem Abend in den Münchner Kammerspielen dauert sie eine Stunde und 15 Minuten. Eine Zeit, in der Walter Schmidinger einen Bogen schlägt vom scheinbar sorglosen Komödiantendasein zum wehmütig weisen Lebensfazit. Ein Leben zwischen Wonnen und Wunden, Triumph und Trauer. Aus seiner Autobiografie "Angst vor dem Glück" liest er, der wegen seines Spotts Gefürchtete, so gut wie gar nichts. </P><P>Es sind die Geschichten, Schmonzetten, Anekdoten seiner Münchner Anfänge. Indem er sie mit seinem Witz würzt und seiner Ironie schärft, erhalten sie größte Wahrhaftigkeit, egal ob sie stimmen oder nicht, ob sie gerecht oder ungerecht sind oder ob er sie, was er süffisant tut, unterschwellig mit Kritik zum heutigen Beliebigkeitstheater versieht.<BR><BR>Man kann Tränen lachen. Doch ehe man sich versieht, hat Schmidinger es geschafft, dass sie zu Tränen der Rührung werden. Dabei kommen ihm Karl Valentin und Fernando Pessoa zu Hilfe.<BR></P>

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