Woods of Birnam

Mit Shakespeare bei der Band-Probe

München - Schauspieler Christian Friedel über seine Band Woods of Birnam, ihr Debüt und den Schutzmantel englischer Liedtexte.

Als Schauspieler kennt man ihn aus Filmen wie „Das weiße Band“ von Michael Haneke oder „Russendisko“ nach Wladimir Kaminers Roman. Christian Friedel ist zudem Ensemblemitglied des Staatsschauspiels Dresden, wo er etwa als Shakespeares Hamlet auf der Bühne steht. Heute erscheint das Debütalbum des 35-Jährigen und seiner Band Woods of Birnam – beides kaum ohne die Werke des britischen Dramatikers vorstellbar. Allein der Name, den sich die Musiker gegeben haben: In „Macbeth“ prophezeien die Hexen der Titelfigur, sie habe nichts zu befürchten, solange nicht der Wald von Birnam nach Dunsinane komme. Wir sprachen mit Friedel über die Woods of Birnam, seine Musik, sein Studium an der Münchner Falckenbergschule und natürlich über...

...Shakespeare. Ist er eigentlich Ehrenmitglied in Ihrer Band?

(Lacht.) Das haben Sie schön gesagt. Ja, ist er. Und er kommt immer mal wieder bei den Proben vorbei, mischt sich aber nicht zu sehr ein.

Wie viel Shakespeare steckt denn in Ihrem Debütalbum?

Er ist schon lange eine Inspirationsquelle: Ich habe einen Song geschrieben, und ein Freund hat diesen mit einem Monolog aus „Macbeth“ versehen. Wir haben das Lied „Woods of Birnam“ genannt – und als wir einen Bandnamen suchten, haben wir uns für diesen Titel entschieden. Er ist ein schönes Bild für unsere Musik. In einem Wald verläuft man sich gern mal, und doch gibt es immer wieder Lichtungen. Bäume stehen für Kraft und Bodenständigkeit, die auch wir suchen.

Als Schauspieler und Musiker können Sie es beurteilen: Taugt Shakespeare als Songwriter?

Total. Seine Sprache ist hochmusikalisch. In seinen Worten steckt so viel Magie, dass es nicht nur für die Bühne reicht, sondern auch für große Musikarenen. Die alten Texte ergeben im modernen Pop-Kontext eine sehr schöne Reibung. Oft schreibe ich Musik und habe noch keinen Text. Wenn ich dann bei Shakespeare reingucke, denke ich oft: Wow, was hat er für Worte gefunden für den Zustand, den ich mit diesem Lied beschreiben möchte! Wenn man die Möglichkeit hat, auf eine derart reiche Sprache zurückzugreifen, tut man das gerne. Dennoch habe ich den Ehrgeiz, selbst gute Texte zu schreiben. Wobei ich mich in keiner Weise mit Shakespeare vergleichen will. Das sind große, andere Welten.

Sie spielen in Dresden den Hamlet, auch Ihre Band ist Teil dieser Produktion von Roger Vontobel. Wie wichtig war diese Inszenierung für Ihre CD?

Die Band gibt es seit 2011. Wir wollten Anfang 2012 ein Album aufnehmen, merkten aber, dass der rote Faden fehlte. Es folgte Roger Vontobels „Hamlet“, den er von Anfang an als Musiker gesehen hat, der ein Trauerkonzert für seinen toten Vater gibt. Roger hat meine Band und mich eingeladen, die Musik für die Inszenierung zu schreiben. Das hat uns sehr geholfen zu erkennen, wohin wir als Band wollen.

Die Idee, Ihre Musikerkollegen Teil der Inszenierung sein zu lassen, scheint so gut funktioniert zu haben, dass Regisseur Oliver Hirschbiegel bei seinem Kinofilm über Hitler-Attentäter Georg Elser mit Ihnen in der Titelrolle auch die Woods of Birnam vor die Kamera geholt hat.

(Lacht herzlich.) Ach, hat sich das schon herumgesprochen? Elser war ja ein musikalischer Mensch, was im Film auch zur Geltung kommt. Man sieht Elser zum Beispiel Akkordeon und Zither spielen. Und es gibt eine Szene, die zeigt, wie er in jungen Jahren die Freiheit genossen hat: Bei einem Picknick musiziert er mit Freunden; sie spielen den zu dieser Zeit in Deutschland aufkommenden Jazz. Als die Produktion mich fragte, ob ich Musiker kennen würde, die mich unterstützen könnten, habe ich natürlich sofort an meine Band gedacht.

Lassen Sie uns zurück zum Debütalbum kommen. Dem ersten Lied, „I’ll Call Thee Hamlet“ liegt der Hamlet-Monolog „Engel und Boten Gottes steht uns bei...“ zugrunde, den der Dänenprinz spricht, als er den Geist seines toten Vaters zum ersten Mal erblickt. Mich überrascht, wie leicht das Lied über die Rampe kommt...

Ja!

Ein bewusster Gegensatz?

Total. Hamlet weiß in unserer Inszenierung nicht, ob diese Begegnung real war oder nicht. Er versucht, sich den Gefühlen anzunähern, die ihn umtreiben. Das versteckt er aber hinter diesem eingängigen Song, der erst zum Ende eine gewisse Schwere bekommt.

Das Album ist stilistisch nicht so einfach auf einen Nenner zu bringen – das ist seine Stärke: Es sind eingängige Nummern dabei, die aber nie gefällig wirken, viel Tanzbares und richtige Rockkracher. War diese Vielfalt Konzept?

Wir haben uns vorgenommen, angstfrei und lustvoll zu musizieren – und dieses Album ist ein erster Querschnitt der Ergebnisse. Es markiert für uns eine Art Beginn und lässt offen, wie es stilistisch beim zweiten Album weitergehen könnte. Ich kann mir vorstellen, dass es konkreter werden könnte. Sie sagen zu Recht, dass diese Vielfalt eine Stärke ist. Es kann aber sein, dass es in der Popwelt manch einem zu komplex ist.

Das liegt dann aber an der Popwelt...

Genau. Wer sich offen auf Musik einlässt, kann viel Spaß mit dem Album haben – und beim Entdecken der Zusammenhänge.

Als Schauspieler ist die deutsche Sprache Ihr Material. Sie singen ausschließlich Englisch.

Ich liebe die englischsprachige Popmusik und bin mit ihr aufgewachsen. Und ich habe mich schon immer sehr für die englische Sprache interessiert. Gerade, weil ich mich als Schauspieler mit der deutschen Sprache auseinandersetze, mag ich in der Musik den Schutzmantel, den eine Fremdsprache bietet. Denn ich erzähle in den Songs sehr viel Persönliches. Ich habe es auch auf Deutsch versucht, das war aber so ein bisschen „Xavier Naidoo für Arme“. Obwohl ich meine Persönlichkeit in die Lieder packe, bin ich mir noch nicht sicher, ob ich das Talent hätte, tolle deutsche Texte zu schreiben.

Ich würde gern beim Begriff „Schutzmantel“ bleiben: Ist das Komponieren schwerer als das Spielen einer Rolle, da die Figur immer auch Schutz bietet?

Absolut. Egal, was du spielst, du legst als Schauspieler immer deine Persönlichkeit in die Figur. Dennoch hast du den Schutz der vom Autor vorgeschriebenen Situation und der Vision des Regisseurs. Wenn ich Konzerte gebe, will ich nicht der Schauspieler sein, der den Sänger spielt, sondern ich will Musiker sein. Manche Freunde, die mich vom Theater kennen, sind bei Konzerten erstaunt, wenn sie sehen, wie schüchtern ich manchmal bin, wenn ich nicht den Schutzmantel einer Rolle habe. Ich möchte mich aber genau dem hingeben, mich öffnen und in einen Dialog mit dem Publikum treten. Dabei hilft, dass ich durch englische Texte eine bisschen indirekter sein kann.

Man kennt Sie als Schauspieler. Haben Sie Sorge, dass mit der CD nun die Frage kommt: Warum singt er jetzt auch noch?

Ich glaube, das ist ein natürlicher Prozess. Viele Schauspieler wollten als Kind Popstar werden – wenn sie nicht Fußballer werden wollten. Das ist alles eine Form von Unterhaltung. Als Künstler sind die vielen Felder, in denen man arbeiten kann, unglaublich bereichernd und inspirierend.

Im Dezember sind Sie im Rahmen des Benefizabends für den Verein „Lebensmut“ bei uns im Haus zu Gast und treten mit Schauspielstudenten der Falckenbergschule auf. Dort haben auch Sie studiert und gestalten nun den Abend mit Ihren ehemaligen Lehrern Matthias Heiling und Heinz Peter Lange.

Ich habe den Gesangsunterricht bei den beiden sehr genossen! Sie haben mich zudem an den klassischen Gesang herangeführt und dadurch meine Stimme gestärkt. Die Falckenbergschule war für mich eine wichtige Zeit. Schauspielschulen sind neben der technischen Ausbildung auch Ort des prä-pubertären Erwachsenwerdens. Im Schutz der Schule lernt man, auf das Leben und auf sich selbst zu schauen. Das ist ein spannender, wichtiger Prozess. Man kommt mit jugendlichem Furor, konzentriert sich drei Jahre komplett auf sich und hört in sich hinein. Zum Schauspieler wird man erst im Beruf – aber an der Schauspielschule findet man zu sich selbst.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

Woods of Birnam:

„Woods of Birnam“

(Royal Tree Records).

Christian Friedel und seine Band werden am Mittwoch, 19. November, bei der Eröffnung des Münchner Literaturfests im Gasteig spielen (Beginn: 19 Uhr); Karten unter Telefon 089/ 54 81 81 81.

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