Bei dem Wort Seele verstehe ich Bahnhof

- Laurent Chétouane kam als Ingenieurstudent von Frankreich nach Deutschland. Um später Regie in Paris und Frankfurt zu studieren. Dazwischen hatte er ein Theater-Schlüsselerlebnis: "Germania 3 - Gespenster am toten Mann" in Bochum. Mannheim und Hamburg etwa waren Regiestationen des 32-Jährigen. 2004 kamen die Münchner Kammerspiele mit "Hermes in der Stadt" hinzu. Am Sonntag hat dort "Iphigenie auf Tauris" Premiere, Goethes Drama um das Vertrauen auf Vernunft und Vergebung.

Ihr Hamburger "Don Karlos" wurde im April als Gastspiel am Volkstheater begeistert aufgenommen, während er in Hamburg befremdet hatte. Wie erklären Sie sich das?

Chétouane: Er hatte sich seit der Premiere weiterentwickelt, die Probenzeit ist ja immer knapp. Und in München war man räumlich näher dran. Aber beim Publikum kommt er auch in Hamburg gut an. Von 1000 Besuchern gehen etwa 50.

Ihre bisherigen Inszenierungen sind "Sprachtheater" von besonderer Langsamkeit. Was haben Sie mit "Iphigenie" vor?

Chétouane: Ich stelle den im Stück behaupteten "Wahrheitsboden" in Frage. Wie sicher kann ich als Mensch sein, dass ein Mund die Wahrheit spricht? Es fängt schon damit an, dass wir Iphigenie mit einem Mann, Fabian Hinrichs, besetzt haben.

Warum denn das?

Chétouane: Wenn ein Mann ernsthaft spricht "Ich bin Iphigenie", beginne ich darüber nachzudenken, was es bedeutet, Iphigenie zu sein. Ist sie Teil einer Versuchsanordnung, eine Utopie, eine echte Person? Außerdem habe ich beim Lesen Iphigenie als körperlos empfunden. Eine weibliche Besetzung wäre daher eine bedeutungsschwangere Entscheidung.

Sie haben einmal gesagt, "der Mensch besteht aus Körper und Sprache, was eine Seele ist, weiß ich nicht". Nun ist in "Iphigenie" besonders häufig von der Seele die Rede.

Chétouane: Vielleicht liegt es daran, dass ich Franzose bin: Ich verstehe Bahnhof bei diesem Wort. Die Deutschen sprechen häufiger von "Seele" als die Franzosen von "l'âme", was religiös konnotiert ist. Ich denke, Seele ist eine Möglichkeit, einen Ort oder ein Gefühl in sich zu benennen. Sie ist für Iphigenie ein innerer Sensor, mit dem sie ihre Gefühle und Affekte hinterfragt. Aber sie lässt sich auch von der Seele schmeicheln. Das hat bei ihr mit Wahrheit oder Wahrhaftigkeit nichts zu tun.

Die Nüchternheit Ihrer Inszenierungen wird gerne mit Ihrer Ingenieursausbildung in Verbindung gebracht. Ärgert Sie das, weil dabei nicht von einer künstlerischen Überzeugung ausgegangen wird?

Chétouane: Nein, aber das Analytische ist meine Person und rührt nicht von meiner Ingenieurszeit her. Ich versuche zu finden, was nicht funktioniert, nehme nicht alles für bare Münze. Wenn es im Text heißt: "Zwischen uns sei Wahrheit", dann beziehe ich das auch auf die Schauspieler, die sich ja gegenseitig etwas vormachen. Ich will dabei die Theatralität untersuchen. Andererseits kann Iphigenie Thoas ja alles erzählen, aber wer kann das überprüfen? Sprache ist Konstruktion. Die Skythen, zu denen Thoas gehört, gehen mit ihr besonders intelligent um: Sie glauben nicht eins zu eins, was ihnen gesagt wird.

Sie sagten einmal, es sei für Sie zu früh, um in Frankreich zu inszenieren. Wann wird es soweit sein?

Chétouane: Ich habe mich in Luxemburg mit einer Lesung vorgetastet. Aber Theater ist für mich mit Deutschland verbunden.

Und was hat das deutsche Theater, was das französische nicht hat?

Chétouane: Die deutsche Sprache!

Das Gespräch führte Christine Diller.

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