Worte wie Bohrlöcher

- "Ich bin kein balkanischer Autor. Ich wurde in einem Dorf der Pannonischen Ebene geboren und lebe in der Stadt Novi Sad." Nur einmal, während des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien Mitte der Neunzigerjahre, hat der serbische Autor Aleksandar Tisma seine Heimat für längere Zeit verlassen, um ins Exil nach Frankreich zu gehen.

<P> Als er nach zweieinhalb Jahren wieder kam, war die Stadt eine andere: Die NATO hatte alle Brücken über die Donau gesprengt, Novi Sad war in zwei Teile zerbrochen und zerfallen. Wieder schien sich der Satz zu bewahrheiten, mit dem Tisma den Roman "Der Gebrauch des Menschen" enden ließ: "Übrig bleiben Glut und Asche."<BR><BR>Das Buch wurde als erstes von Tismas Werken ins Deutsche übertragen und gilt immer noch als sein bekanntestes. Es ist die Geschichte einer Heimkehr nach Novi Sad - in jene Stadt, in der Aleksandar Tisma am Sonntag im Alter von 79 Jahren gestorben ist (wir berichteten).<BR><BR>Als der jüdische Kaufmann Robert Kroner, Romanfigur aus "Der Gebrauch des Menschen", 1944 die Hauptstadt der Provinz Vojdovina betritt, findet er sich nicht mehr wieder in ihr. Alle Spuren seiner Existenz sind getilgt, alles Menschliche ist verschwunden, verschüttet unter den Trümmern der Geschichte. Der Mensch scheint mehr verbraucht als gebraucht zu werden, man benötigt sich nicht, man benutzt sich gegenseitig.<BR><BR>Aleksandar Tismas Romane sind geprägt von einem unerschütterlich kalten Blick, einem Gefühl der Resignation, als müsste er aufgeben im Angesicht der sich immer wiederholenden Geschichte, im Angesicht der Wölfe, die sich Menschen nennen. "Der Mensch ist von Natur aus schlecht. Enttäuscht bin ich aber vor allem wegen seiner unglaublichen Dummheit, die ihn dazu verführt, das Leben so traurig zu gestalten und andere zu unterjochen und zu töten."<BR><BR>Aleksandar Tisma hat es am eigenen Leib erfahren. 1942 floh er vor den Massenverhaftungen im besetzten Teil Jugoslawiens nach Budapest, wurde 1944 als Zwangsarbeiter in Transsylvanien eingesetzt. Statt zu resignieren, hat er fortgesetzt, was er bereits im Alter von 16 Jahren begonnen hatte: Er schrieb. Nach dem Krieg arbeitete Tisma als Verlagslektor und Journalist. Seine erste Veröffentlichung, der Gedichtband "Die bewohnte Welt", erschien 1956.<BR><BR>Als Sohn eines Serben und einer ungarischen Jüdin, geboren am 16. Januar 1924 in Horgos, einer Stadt Nordjugoslawiens an der Grenze zu Ungarn, war er ein typischer Bürger des Vielvölkerstaats. Sein gesamtes Werk sei gegen die Intoleranz gerichtet, so hieß es 1996 in einer Laudatio, die gehalten wurde anlässlich der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung. </P><P>Das Denken innerhalb der engen Grenzen von Nationalitäten und Volkszugehörigkeiten schien Tisma stets zuwider zu sein. Schien ihm auch ein Grund zu sein für die Gewalt des Menschen. "Ich identifiziere mich mit keiner der Nationen, die auf den Trümmern der Habsburgermonarchie ihre engherzigen, einander misstrauisch beobachtenden Staaten gründeten." Auch "Kleinlichkeit, Starrheit und Provinzialismus" wurden von dem serbischen Schriftsteller angeprangert.<BR><BR>Von außen mag Novi Sad ebenfalls provinziell erscheinen, Aleksandar Tisma aber fand und erfand in dieser Stadt den gesamten Kosmos seines Erzählens. Als würde sich in ihr all das kristallisieren, was sich nie und nirgends ändert: die unmenschliche Grausamkeit der Menschheit. Er war einer, der (so ließ er es einmal eine Romanfigur formulieren) mit "Worten, deren jedes ein Bohrloch zu den Wurzeln ist", immer wieder davon sprach und daran erinnerte.<BR></P><P> </P>

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