Wortführer der Wahrheit - Zum Tod des großen russischen Schriftstellers und Dissidenten Alexander Solschenizyn

Moskau - Seine Nobelpreis-Rede gipfelte 1974 in einem schlichten, großen Satz: "Ein Wort der Wahrheit überwindet die ganze Welt." Und das Wort dieses Mannes wurde überall gehört. Doch er selbst war ein Gefangener - eben weil er sich der Wahrheit verpflichtet fühlte. 1974 hatte sein Land von Alexander Solschenizyn genug.

Er wurde verhaftet und abgeschoben. Zwanzig Jahre sollten vergehen, bis er zurückkehrte in seine russische Heimat. Dorthin, wo Solschenizyn in der Nacht zum Montag im Alter von 89 Jahren gestorben ist.

Der Kampf gegen das stalinistische System machte Solschenizyn zur Ikone des Widerstands. Vom Westen, der ihn später mit offenen Armen empfing, wurde er als Kronzeuge gegen sowjetische Auswüchse begriffen. Was sicher richtig war, doch auch Missverständnisse produzierte. Denn Solschenizyns Denken blieb tief russisch geprägt. Seine Schriften bewegten sich, das übersah man zu gerne, im Spannungsfeld zwischen Nationalismus, orthodoxem Glauben, Kapitalismus-Kritik und Antikommunismus.

Dass sich zwischen Solschenizyn und Wladimir Putin nach anfänglichem Zwist sogar ein harmonisches Verhältnis entwickelte, wurde ihm auch übelgenommen. Aus der Sicht Solschenizyns freilich, der sich etwa 1978 in seiner berühmten Harvard-Rede gegen die westliche Demokratie wandte, war diese Annäherung nur logisch. "Jede tiefverwurzelte selbstständige Kultur, besonders wenn sie sich so weit über die Erde erstreckt, stellt eine eigene Welt dar, die für die westliche Denkweise voller Rätsel und Überraschungen ist", sagte er damals. "Russland zählt zu dieser Gruppe seit 1000 Jahren."

Die kaltblütige Macht des stalinistischen Systems bekam Solschenizyn erstmals 1945 zu spüren. Da hatte er sich in Briefen despektierlich über den "Mann mit dem Schnauzbart" geäußert. Die Folge: neun Jahre Arbeitslager und Verbannung. Mehr als persönliche Bewältigung, sondern eine literarische Anklage war 1962 sein Erstling "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch". Solschenizyn erzählte auf erschütternde Weise von einem Tischler, der in einem Arbeitslager ums Überleben kämpft. Der Roman machte ihn schlagartig bekannt, auch weil Staatschef Chruschtschow bei der Veröffentlichung behilflich war - Solschenizyn wurde gebraucht in der Tauwetter-Periode nach Stalins Tod.

Mit Chruschtschows Tod geriet auch Solschenizyn in Gefahr. Der KGB nahm ihn ins Visier, vor allem als er in "Krebsstation" seine eigene Erkrankung mit den Wucherungen des Sowjetsystems in Beziehung setzte. Solschenizyns Hauptwerk, "Der Archipel Gulag" erschütterte schließlich den Staat - und auch viele linksgerichtete Intellektuelle im Ausland, die nun von der Sowjetunion abrückten. Jahrelang hatte der Schriftsteller heimlich am "Archipel Gulag" gearbeitet und musste die Bücher im Westen veröffentlichen lassen. Nach seiner Ausweisung folgten die in Solschenizyns Augen produktivsten Schriftstellerjahre. Jahre, in denen sich auch immer deutlicher die soziopolitischen Ansichten und Beweggründe des Russen herausdestillierten.

Es blieb dabei: Solschenizyn ließ sich von keiner Seite, ob West oder Ost, vereinnahmen. Seine Reden und Schriften waren geprägt von einer Rigorosität, die manchen verstörte. Als der große Unbequeme nach seiner Rückkehr die Heimat in einer 55-tägigen Zugreise von Wladiwostok bis Moskau neu kennenlernte, war er entsetzt von der Nach-Wende-Situation. Er geißelte fehlgeleitete Reformen, die Verarmung und den Mangel an Demokratie. Putin, so glaubte er, könne hier Abhilfe schaffen - und nicht die überstürzte Angleichung ans westliche System.

Ein letzter Wunsch ist Solschenizyn schließlich in der Nacht zum Montag erfüllt worden. "Er wollte im Sommer sterben, und er ist im Sommer gestorben", sagte gestern seine Witwe Natalia. "Er wollte zu Hause sterben, und er ist zu Hause gestorben. Alles in allem würde ich sagen, dass Alexander ein schwieriges, aber glückliches Leben hatte."

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