Sie begeben sich an den Münchner Kammerspielen auf Elfriede Jelineks „Winterreise“: Benny Claessens, André Jung, Stefan Hunstein, Kristof Van Boven (mit dem Rücken zur Kamera) und Hildegard Schmahl (v.li.). Foto: Julian Röder

Das Wortgebirge bezwungen

München - Johan Simons inszenierte an den Münchner Kammerspielen die Uraufführung von Elfriede Jelineks „Winterreise“. Ihre Arbeit ist ein Wortgebirge, das sich der Leser erwandern und konzentriert erarbeiten muss.

Der jaulende Wintersturm umfängt die Besucher, kaum haben sie die Münchner Kammerspiele an diesem Donnerstag betreten. Aus Lautsprechern im Foyer entlang der Garderoben ertönt unwirtliches Pfeifen: Die Natur - an diesem Abend ist sie menschenfeindlich. So wirkt sie im Liederzyklus „Winterreise“ von Franz Schubert (1797-1828). Und so inszeniert sie Johan Simons, Intendant der Kammerspiele. Auf Anregung seines Hauses hat die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek den Prosatext „Winterreise“ geschrieben. Ihre Arbeit ist ein Wortgebirge, das sich der Leser erwandern und konzentriert erarbeiten muss. Jelinek hat schier unglaublich dichte innere Monologe verfasst, in denen sie Biografisches wie die Beziehung zur dominanten Mutter oder zum Vater, der in einer psychiatrischen Klinik starb, ebenso reflektiert wie den bayerisch-österreichischen Banken-Skandal, die Kampusch-Entführung oder Liebe in Zeiten des Internets. Dabei nutzt sie immer wieder Motive aus den Gedichten Wilhelm Müllers (1794-1827), die Schubert einst vertonte. Den melancholischen Grundton seiner Lieder hat sie beibehalten - auf eine Handlung oder Rollenunterteilung jedoch verzichtet.

Jelineks Text ist eine Herausforderung: für die Leser (denn er verlangt absolut nicht nach einer Inszenierung) ebenso wie für Johan Simons und sein Ensemble. Simons hat für die Uraufführung mit der Dramaturgin Julia Lochte Jelineks Prosa gekürzt und auf sieben Figuren verteilt. Die Autorin habe ihm freie Hand gelassen, erklärt er, da ihre Schreibweise „unendlich demokratisch“ sei.

Simons greift, um Jelineks hochkomplexen Gedankenstrom fassbar zu machen, immer wieder während dieses gut drei Stunden langen Abends auf einfache Bühnenmittel zurück. Das funktioniert manchmal sehr gut, dann schlägt sich Simons einen klugen Weg durch Jelineks Text-Gebirge. An anderen Stellen wiederum bleibt die Inszenierung mit ihrem unbedingten Willen zur Visualisierung hinter der Wucht der Prosa-Arbeit zurück.

Das Sturm-Motiv dominiert den ersten Teil des Abends: Die Schauspieler retten sich förmlich aus der eisigen Hölle auf den Bühnen-Vorbau aus rohen Brettern, der weit ins Parkett ragt. Die Naturgewalten, die auf der eigentlichen Bühne wüten, spüren die Zuschauer selten, denn der Brandschutz des Theaters, der sogenannte „Eiserne Vorhang“, ist stets geschlossen. Die Natur ist so nach draußen verbannt, nur ab und an bricht sie herein, wenn die Schauspieler durch die Tür in der Mitte der schwarzen Stahlwand auftreten. Doch die Zuschauer wissen um die lebensvernichtende Macht der Elemente. Zu Beginn der Pause flimmern zudem Aufnahmen von der Sturmflut, die 1953 Holland heimsuchte, über die Kulisse. Johan Simons, damals sieben Jahre alt, wurde von einer Insel in Zeeland gerettet. All das gibt der Inszenierung eine fragile Atmosphäre; der Untergang lauert hinter der Tür. Davor verhandeln die sieben Schauspieler Jelineks Texte - mit einer ob des Umfangs großartigen Sicherheit und gutem Gespür für die Mitspieler. Kompliment.

Vor allem die vierte Szene, in der Jelinek die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Rettung des Entführungsopfers Natascha Kampusch seziert, gelingt dicht und stimmig. Auch im Buch ist das eines der stärksten Kapitel: Mit der unbestechlichen Präzision eines Seismographen verzeichnet Jelinek die zunehmende Empörung der Masse über Kampusch: „Warum wählt sie die Öffentlichkeit?“, ereifern sich die Leute: „Sie ist ein Opfer. Wir wollen keine Opfer!“ Und: „Sie ist doch jetzt wieder draußen. Was will sie noch?“ Es sind schlichte Sätze, die gerade deshalb berühren - und entlarven: „Wir haben bei ihr Zerstreuung gesucht.“ Den Schauspielern gelingt es, das Bedrohliche dieser Stimmung alltäglich zu verpacken. Dabei bilden sie eine Wand, während Kristof Van Boven im Mädchen-Kleid wie fremdbestimmt über die Bühne eiert, Kontakt will, doch von der Gruppe in eine Ecke gewiesen wird.

Zu Herzen geht auch André Jungs Darstellung eines geistig verstörten Mannes, der in seinen wenigen lichten Augenblicken über das Leben reflektiert. Jungs Solo dominiert nach der Pause die Inszenierung. Und obwohl sich dieser Kranke oft wiederholt und wirr redet, folgt man dieser behutsamen Menschen-Zeichnung gebannt.

In jenen Momenten funktioniert Simons’ Theater-Adaption von Jelineks Prosa großartig. Sie gelingt jedoch nicht, wenn der Skandal um die marode Bayern LB-Tochter Hypo Alpe Adria rekapituliert wird: Jelinek vergleicht den Kauf der österreichischen Pleite-Bank mit einer Hochzeit, für die die Braut aufgehübscht wurde. Bissig, dicht, scharfsinnig ist ihre Analyse, ein politischer Kommentar, dessen Lektüre selbst dann lohnt, wenn man alles über diese Mauschelei zu wissen glaubt.

Simons verschenkt diesen Text, verjuxt ihn zur Travestie-Nummer. Natürlich liegt es nahe, Benny Claessens als Braut auszustaffieren, um die Mogelpackung offensichtlich zu machen. Doch die Szene entgleitet in plumpen Klamauk - auf der Strecke bleibt Jelineks ausgeklügelter Hintersinn. Schade.

Dennoch ist diese Uraufführung, die Jan Czajkowski sacht strukturiert, indem er am Klavier Motive aus Schuberts „Winterreise“ anspielt, ein intensiver Theaterabend - dank des homogenen Ensembles und einiger starker und berührender Szenen.

von Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 7., 9., 18. und 23. Februar; Telefon 089/ 233 966 00.

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