Die wortreichen Sieben

- Sieben Stücke an zwei Tagen, ein wenig angespielt oder gar nur in verteilten Rollen gelesen, dazu acht Gespräche auf spärlich beleuchteter Bühne und das bei prächtigem Wetter - es hätte leicht eine Konferenz versprengter Spezialisten werden können. Es kam aber ganz anders: Die Münchner Kammerspiele konnten sich zum "Wochenende der jungen Dramatiker" eines vollen Hauses erfreuen - das Interesse der zahlreichen jungen Besucher jedenfalls gab ihnen Recht: "Es ist Anfang und Beginn!", hatte man optimistisch das Schaulaufen der sieben ausgewählten Autoren, alle Mitt- und Endzwanziger, genannt.

<P>Nicht alle Stücke freilich vermochten diese Aufbruchsstimmung widerzuspiegeln. Aber dazu waren sie ja eingeladen: Dass man beim Versuch, ihnen Stimmen zu verleihen, sie in Bilder zu fassen, ihre Qualitäten gegeneinander abwägt. Und dabei vielleicht auch von einem ersten Leseeindruck abrückt.<BR><BR>Wie etwa bei "Unter Tage" der Hamburgerin Sigrid Behrens: Die verführerisch bilderreiche Sprache erwies sich bei der szenischen Lesung doch als sehr luftig. Ein Regisseur müsste sich schon viel einfallen lassen, damit sich die Geschichte von Undine und der Sinnsuche in einer stupiden Arbeitswelt nicht verflüchtigt.<BR><BR>"Mehr auf den Inhalt sehen, auf das Anliegen. Die Form findet sich."<BR>Jossi Wieler</P><P>Das sagte auch Jossi Wieler, der sich ein wenig mit dem Stück beschäftigte. Denn der Clou und Gewinn für die Jungautoren waren, dass erfahrene Schauspieler und Regisseure die Erstlingsstücke kommentierten. Für Wieler keine Pflichtübung: Der Schweizer Regisseur ("Alkestis") empfand die skizzierten Aufführungen als stimulierend. "Die Möglichkeit zu versinnlichen, hören, was geht und was nicht", interessierte ihn an der Veranstaltung. </P><P>Es überwiege thematisch die "Befindlichkeit der Generationen". "Langweilig", findet er. "Widerstände, Schmerzpunkte, Verzweiflung werden leider allzu oft von der Form zugedeckt." Und deshalb legte er den Autoren ans Herz: "Es klingt banal, ist aber wichtig: Mehr auf den Inhalt sehen, auf das eigene Anliegen. Die Form findet sich."<BR><BR>Sie fand sich etwa bei der Schweizerin Sabine Wen-Ching-Wang mit "Spinnen", einer Geschichte aus der Psychiatrie. Wieler sagte, sie habe ihn "in einem nicht sentimentalen Sinn berührt - ist leicht, spielerisch, nicht oberflächlich". Und wurde überdies in einer knapp zweiwöchigen Probenphase schon sehr ansehnlich erarbeitet.<BR><BR>Johan Simons, Regisseur aus Holland, hier bekannt durch das Gastspiel "Der Fall der Götter", konnte "Spinnen", seinem Patenstück, auch viel abgewinnen: "Es hat eine musikalische Struktur. Ich würde es ganz kalt bis zum Ende spielen." Und er lobte weiter den Anspruch der hier versammelten Texte: "Nicht modernistisch, um modernistisch zu sein. Man spürt: Man macht sich Sorgen um die Gesellschaft."<BR><BR>Etwas anderes macht ihm auch Sorgen, und er würde es gerne von jungen Autoren bearbeitet wissen - das Thema Amerika als Aggressor: "Mit dem einen Arm Krieg führen, mit dem anderen die Verbündeten küssen."<BR><BR>Auch Jon Fosse, erfolgreicher Roman- und Theaterautor aus Norwegen, hatte den angehenden Kollegen etwas zu sagen: dass er seine erste Kurzgeschichte auf Geheiß des Verlags komplett umschreiben musste, obwohl sie auf große Begeisterung gestoßen war. Den jungen Leuten machte er Mut, am Stil zu feilen: "Mein Rhythmus ist heute ein ganz anderer als in dieser Geschichte. Als Hobby-Musiker hatte ich damals ein Faible für Wiederholungen", so der Norweger, den erst seine Stücke, darunter "Traum im Herbst" (im nächsten Jahr geben die Kammerspiele auch sein "Da kommt noch wer"), über die Grenzen hinaus berühmt gemacht haben.<BR><BR>Einigen der jungen Autoren wird man sicherlich zumindest auf deutschen Bühnen wieder begegnen - wenn sie sich nach diesen ersten Erkundungen der Formen und Umsetzungsmöglichkeiten noch stärker auf eine erzählenswerte Geschichte einlassen.<BR></P>

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