Wortspielkünstler

- Auf der Wirtshausbühne ein Paravent. Lambert Hamel als ehemaliger Staatsschauspieler Bruscon bückt sich, schaut prüfend unter den Wandschirm hindurch - und pustet den Staub von dem kargen Boden. Wenig später fegt er liebevoll und sorgfältig mit der flachen Hand nach.

<P>Dieser "Theatermacher" von Thomas Bernhard ist so klar, so hell, wie ihn Hans Lietzau 1988 an den Münchner Kammerspielen inszeniert hat. Dort wurde er bis zum 30. November 1997 mehr als hundert Mal gezeigt. Jetzt haben Dieter Dorn und Christian Pade, Lietzaus ehemaliger Assistent, die Produktion wieder "hervorgeholt" und sie im Residenztheater erneut zur Aufführung gebracht. Weggepustet der Staub, der sich in den sechs Jahren der Pause angesammelt haben mag. Zum Triumph für Lambert Hamel, der - naturgemäß - wieder die Titelrolle spielt. Zur Freude des hochgestimmten Premierenpublikums, das am Ende jubelte, als habe es jahrelang nur auf diese Wiedergeburt gewartet.<BR><BR>Dieses Stück des genialen Thomas Bernhard gehört ja eigentlich auch zwingend ins Repertoire. Und diese gültig gebliebene Inszenierung des großen Hans Lietzau in den Spielplan des Bayerischen Staatsschauspiels.<BR><BR>Ein Drama über das Theater als Welt und die Welt als Theater. Eine bissig-böse Persiflage auf Schauspieler, Frauen, Kritiker. Ein politischer Rundumschlag gegen Österreich, alte und neue Nazis und das Proletariat an der Macht. Und nicht zuletzt eine selbstironische Charakterisierung des Autors Bernhard. Denn Bruscon tingelt ja nicht nur als größenwahnsinniger Schauspieler, Regisseur und Prinzipal seines Tournee-Familien-Schmierentheaters durch die Dörfer Österreichs, sondern zugleich als Autor seiner Welt-Komödie "Das Rad der Geschichte".<BR><BR>Ein "Wortspielkünstler, der auch den billigen Witz nicht verabscheut": So charakterisiert Bruscon sich einmal selbst. Für Dorn und Hamel möglicherweise Ausgangspunkt, die ganze Geschichte verstärkt in die Komik zu treiben. Was - aus der Erinnerung heraus - bei Lietzau vielleicht bitterer war, auch böser, erscheint jetzt satirisch zugespitzter, in Hamels Spiel souveräner, vielleicht gar altersweiser. Dazu kommen Hamels wunderbare Selbstironie, die eben einen großen Schauspieler auch ausmacht, seine unnachahmliche Mischung aus Zweifel an und Begeisterung über sich selbst, seine Leidenschaft, seine Kritik, sein Feuer, sein Witz, der abgrundtief sein kann.<BR><BR>"Heute ist Blutwursttag." <BR>Thomas Bernhard</P><P>Da nutzt er die Ambivalenz dieser Rolle reichlich aus, wenn er über sich als "Staatsschauspieler", der er ja nun mittlerweile ist, räsoniert oder bei seinem ersten Auftritt ausruft: "Als ob die Zeit stehen geblieben wäre." Mit größter Überzeugung macht er sich Thomas Bernhards Kritik am Theaterbetrieb zu eigen. Und verschärft sie. Mit Handkantenschlägen, wenn er sagt: "Alles auf dem Theater ist abgeschmackt." Mit vorgeschobenem Mund, aus dem er dreimal hintereinander das Wort "Kunst" wie zum Hohn herausröhrt. Dann weiß wohl jeder im Zuschauerraum, welche Macher im angesagten Gegenwartstheater dieser große, alte Theatermacher meint. "Heute ist Blutwursttag", im Wirtshaus: Das passt; Hamel schlachtet alle Moden, Maschen und Möchtegern-Künstler.<BR><BR>Dieser Bruscon, wie ihn Hamel spielt, ist abstoßend in seiner Egomanie, lachhaft in seiner Eitelkeit, kompromisslos in seinem Anspruch, wahrhaftig in der Lüge und tragisch in seinem Selbstzweifel. Groß und abscheulich. Gereift und unheimlich komisch. Ein genialisches Unikum.<BR><BR>Von Lietzaus ursprünglicher Besetzung noch dabei: die herrlich abgründige Jennifer Minetti als durchhustende Frau Bruscon sowie Gabi Geist als Wirtin. Bruscons Kinder sind mit den spürbar schauspielernden Christine Schönfeld und Janko Kahle nicht mehr ganz so jugendlich, was logisch ist, denn das Theatermacher-Paar ist schließlich auch um 15 Jahre älter als bei der Premiere 1988. Um die schwierige Nachfolge des unvergessenen Otto Grünmandl als Wirt bemüht sich mit Anstand Fred Stillkrauth.<BR>"Das Theater ist keine Gefälligkeitsanstalt", sagt Theatermacher Bruscon einmal. Dass es dennoch gefällt, und zwar mit dieser Aufführung wahnsinnig gut, ist einer seiner produktiven Widersprüche.</P>

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