Wotan ist einer von uns

- Spätestens 1988, als er in Bayreuth Wagners "Ring des Nibelungen" herausbrachte, wurde er ein Etikett nicht mehr los: Harry Kupfer, das ist doch der Regisseur, der Sänger dauernd über die Bühne scheucht, sie knien, klettern und in ständiger Exaltiertheit spielen lässt. Doch das Vorurteil traf die Sache nur unzureichend. Denn Kupfer, Schüler des legendären Walter Felsenstein, inszenierte in bester Tradition von dessen "psychologischem Realismus". Durch die starke Körperlichkeit verlieh er den Opernfiguren Glaubhaftigkeit, Plastizität und Hintergrund, befreite sie aus den Fesseln der Klischee-Geste. Wotan, das war auf einmal einer von uns.

Insgesamt hat Kupfer wohl über 190 Inszenierungen inklusive Aufwärmen alter Arbeiten abgeliefert. Und auch jetzt noch ist der Regisseur, der heute 70. Geburtstag feiert, aktiv. Über 20 Jahre, bis 2002, war er als Chefregisseur der Komischen Oper Berlin verbunden, eine Zeit, aus der auch seine größten Erfolge stammen. Schon vor der großen politischen Wende war Kupfer auf beiden Seiten der Mauer gefragt. 1978 holte ihn Bayreuth für den "Fliegenden Holländer". Und seine psychoanalytische Sicht, die die Geschichte als Wahnvorstellung Sentas begriff, bescherte einen hochspannenden, epochalen Theatergenuss. "Menschen mit ihren Konflikten, Problemen und Widersprüchen gehören auf die Opernbühne", so das Credo des Regisseurs.

Harry Kupfer stammt aus Berlin, debütierte 1958 in Halle mit Dvoráks "Rusalka", kam über Stralsund, Chemnitz, Weimar 1973 als Operndirektor nach Dresden und zog schließlich 1981 wieder in seine Heimatstadt. Eigentlich habe er Sänger werden wollen, sagt er. Doch seine schwache Stimme zwang ihn eben ins Regiefach. Erster Kontakt Kupfers mit

Barock für München

München war das sensationelle Gastspiel der Komischen Oper im Nationaltheater. Mit Händels "Giustino" demonstrierte er 1985 - also lange vor der Mode von Alden & Co. -, wie aktuell und liebenswert Barock sein kann. Später inszenierte er hier Tschaikowskys "Jungfrau von Orlé´ans", Verdis "Macbeth" und, im Jahr 2000, die erfolgreiche Uraufführung von Aribert Reimanns "Bernarda Albas Haus".

Fünf Regie-Aufträge pro Saison wurden bei Kupfer zum Regelfall - und irgendwann zum Problem. In den 90ern, als er mit Daniel Barenboim einen Wagner-Zyklus an der Staatsoper Berlin stemmte, zeigte sich, dass Kupfer versierter, vorhersehbarer wurde: Über seine Gesellschaftskritik war die Zeit hinweggegangen. Doch seine überragende Stellung in der deutschen Regie-Geschichte ist unbestritten. Wer etwa seinen Bayreuther "Ring" gesehen hat, muss jede andere Inszenierung an Harry Kupfer messen.

Aktuelle Literatur zu Harry Kupfer: Dieter Kranz: "Der Gegenwart auf der Spur - Harry Kupfer, der Opernregisseur". Henschel Verlag, Berlin, 365 Seiten; 24,90 Euro.

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