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„Der ist nicht der Versicherungsmakler, wie man ihn sich so vorstellt“: Valentin (Wotan Wilke Möhring) gerät unversehens in ein ziemlich schräges, blutiges Verwirrspiel hinein.

Interview zum Kinostart

Wotan Wilke Möhring: „Ich will nicht aufhören zu träumen“

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München - „Sex & Crime“ – dieser vogelwilde Film passt zu Wotan Wilke Möhring. Er bedient als Schauspieler jedes Genre, von ernsthaft bis romantisch, gibt im „Tatort“ den Straßenbullen und dann wieder den besorgten Familienvater, dessen Frau sich das Leben nimmt (im TV-Film „Der letzte schöne Tag“). Nun ist der 48-Jährige in der blutigen Beziehungskomödie von Paul Florian Müller zu sehen. Als Valentin verliert er einen Finger. Es sind nicht die einzigen Körperteile, die in diesem Kinofilm Schaden nehmen...

Wie geht es Ihrer Hand? Alles wieder dran?

(Lacht.)  Ja. In der echten Welt ist Gott sei Dank alles ganz anders. Doch manchmal nimmt man Andenken mit vom Set. Und dieser Gipsfinger, den ich in „Sex & Crime“ getragen habe, ist tatsächlich etwas, was irgendwo bei mir zu Hause herumliegt.

Der Film erinnert ein bisschen an Tarantino: Am Ende leben nicht mehr viele Menschen, und man hat auch hier das Gefühl, Sie hatten viel Spaß am Set.

Ja? Na, das ist doch nicht schlecht! Natürlich denken wir als Schauspieler mehr an die Figuren und während des Spiels gar nicht daran, wie der Film wirkt. Für uns stand auf jeden Fall der Drehspaß im Vordergrund.

Haben Sie sich deshalb für diesen Film entschieden – er ist ja schon sehr schräg.

Unter anderem deswegen. Und wenn man so ein Low-Budget-Projekt angeboten bekommt, weiß man, dass man in solchen Fällen auch anders Einfluss nehmen kann als bei größeren Filmen. Außerdem habe ich mich gefreut, dass tolle Kollegen dabei sind. Da sind die Albernheiten, all das Bescheuerte, das nicht im Film gelandet ist, programmiert. Drehzeit ist eben auch Lebenszeit, da will man natürlich eine gute Zeit haben. Das war hier der Fall.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie einen Charakter verstehen müssen, damit Sie ihn spielen können. Was ist denn dieser Valentin, der sich selbst Val nennt, für ein Typ?

Das sagt eigentlich schon alles, wenn einer so genannt werden will. Der ist eben nicht der Versicherungsmakler, wie man sich das so vorstellt. Und er möchte mehr sein, als er ist. Er hat etwas Großes vor. Und meint es eigentlich gut. Dass man die Figur versteht, ist die Grundvoraussetzung für jeden Darsteller, sonst weiß man gar nicht, wie man von A nach B kommt. Man muss sich klar sein, dass es eben keine Bösen gibt. Jeder denkt in seiner Welt, er macht das Richtige. In diesem Film hat jeder seinen eigenen Plan – und weiß nicht, dass dieser Plan auch nur Teil eines anderen Plans ist. Das hat mir am Drehbuch gefallen. Ganz intelligent geschrieben.

Sie denken, dass kein Mensch böse ist?

Nun, ich glaube nicht, dass Menschen, von denen wir sagen, sie seien böse, sich als böse empfinden. Sondern sie empfinden sich in ihrer Welt als durchaus richtig. Das ist ja gerade das Fatale an dieser Einsortierung von Gut und Böse. Natürlich gibt es von der Gesellschaft einen einordnenden Blick auf bestimmte Taten, aber ich glaube nicht, dass sich irgendein Mörder denkt: Ich tue jetzt etwas richtig Böses. Sondern er tut es, weil er es tun muss. Weil er denkt, das ist folgerichtig für ihn.

Sie bedienen alle Genres, von der schrägen Komödie bis zum berührenden Drama. Welche Rollen spielen Sie lieber?

Das kann ich gar nicht sagen. Auch bei einer Komödie ist ja Grundvoraussetzung, dass sich die Figuren ernstnehmen – was dich als Schauspieler ebenso betrifft. Das ist, was eine Komödie ausmacht. Wenn sie anfängt, sich selber lustig zu finden, ist die Energie raus, dann kann es nur noch peinlich werden. Deshalb muss man gerade bei Komödien die Figuren todernst nehmen. Dadurch entstehen ja gerade die Situationen, die grotesk und komisch wirken.

Sie sagen von sich, dass Sie manchmal in Kindergesichter sehen und schon wissen, was für ein Erwachsener aus diesem Kind wird. Wenn Sie sich ein Bild von sich selbst als Kind anschauen – was hätte aus diesem Menschen werden können? Genau das, was Sie heute sind?

Schwierige Frage, weil ich ja weiß, was aus ihm geworden ist. Was wir verbinden mit dem Blick in Kindergesichter, ist die Sicht auf Träume und deren Ende. Oder deren Vollzug. Ich glaube, es ist wichtig, dass man diesen Träumen, die man in seinem eigenen Kindergesicht auf Fotos lesen kann, weiter folgt und sich dabei auf eine Art auch treu bleibt. Das wird ja immer so überbewertet mit dem Sich-Selber-Treu-Bleiben. Aber ich glaube, wenn man nicht aufhört zu träumen und zu staunen, dann ist man auch nicht so wackelig in dieser Welt und so abhängig von anderen Faktoren. Bei mir ist das, so glaube ich, einigermaßen ordentlich gelungen.

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